Vor zwei Wochen starb der Berliner Tierpfleger Thomas Dörflein, der Ziehvater des Eisbären Knut. Die Anteilnahme am Tod des Mannes ist nach wie vor hoch. Dafür gibt es gute Gründe in einem gesellschaftlichen Klima hitziger Eitelkeit, wo selbst Terroristen in Talkshows drängeln und Pilgerreisen zu Events werden.
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Eine Schülerin kondoliert im Berliner Zoo
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Eine Schülerin kondoliert im Berliner Zoo
Tierpfleger ist kein bequemer Beruf. Man hat mit Wesen zu tun, die streng riechen, Hygieneregeln ignorieren und nicht wissen, was ein Dienstschluss ist. Sie haben ständig Angst, nicht genügend Futter zu bekommen, wehren sich nach Leibeskräften, wenn man ihnen helfen will, und sagen nicht einmal Danke, wenn man ihren Stall ausmistet.
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Die Mutter von Eisbär Knut wollte ihr Junges nicht, also kümmerte Tierpfleger Thomas Dörflein sich ab Dezember 2006 aufopfernd um den kuscheligen Kleinen.
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Gedenken an Eisbär Knuts Ziehvater Thomas Dörflein: Auf dem Spandauer Friedhof wurde ein neuer Grabstein aufgestellt. Die Mutter des Tierpflegers legt Blumen nieder.
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Der Berliner Steimetz Bernd Kuhne stiftete das ungewöhnliche Werk in Form eines Eisbergs.
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Das Relief zeigt Dörflein mit seinem kleinen Schützling Knut. In liebevoller Handaufzucht hatte der Tierpfleger dem kleinen Eisbären das Leben gerettet.
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Deutschlands berühmtester Tierpfleger war am 22. September 2008 an einem Herzinfarkt gestorben. Bis heute legen die Fans täglich Blumen und Geschenke nieder.
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An Dörfleins Grab wurde dieses Bukett niedergelegt, ...
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... ebenso wie eine Reihe weiterer Kränze. Die Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt.
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Kurz nach der Trauerfeier kamen die ersten Berliner und legten ebenfalls Blumen am Grab von Dörflein ab.
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Eisbär-Mutter Tosca hatte Knut und seinen Bruder nach der Geburt nicht angenommen. Knuts Bruder starb, Thomas Dörflein aber nahm sich des verbliebenen Eisbärbabys an und päppelte es auf.
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Damals war Knut noch handlich ...
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... und kompakt ...
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... und ganz wild auf Milch.
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Und wild auf Dörflein.
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Zwischen Knut und seinem Pfleger entwickelte sich ein inniges Verhältnis. Dörflein verbrachte über Wochen hinweg Tag und Nacht bei dem Bären.
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Wenn die beiden zusammen waren, sah es immer wieder so aus, als würden sie sich küssen ...
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... und küssen ...
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... und küssen ...
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... und küssen.
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Knut malträtierte seinen Pfleger im Spiel auch mal...
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...und auch ein kleines Kräftemessen musste mal sein,...
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... was mitunter auch sichtbar anstrengend war für den Pfleger.
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Trotzdem: Thomas Dörflein genoss die Zeit mit dem kleinen Eisbären und gab ihm auch seinen Namen. Weil Knut, sagte Dörflein, wie ein Knut aussah.
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Auch bei den ersten öffentlichen Auftritten des Bären war der Tierpfleger, der Interviews und Kameras eigentlich nicht mochte, immer dabei.
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Der Publikumsandrang war stets groß.
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Und auch das Medieninteresse.
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Nachvollziehbar: Knut und Thomas Dörflein waren ein herzerweichendes Duo.
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Was nicht allein an dem niedlichen Bären lag.
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Und der Pfleger selbst, heißt es, habe nicht zuletzt gerade Zoobesucherinnen begeistert.
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So sah es in Dörfleins Dienst-Arbeitszimmer aus.
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Thomas Dörflein wurde fast ebenso berühmt wie der Bär,...
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...der mit ihm eine große Show bot.
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Zwei Berliner Originale: Thomas Dörflein wurde 1963 in Wedding geboren und wuchs in Spandau auf. Er arbeitete seit 1982 im Zoo Berlin.
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Dass Bären seine Liebingstiere waren, war Dörflein gerade im Umgang mit Knut immer anzumerken.
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Und dass Dörflein Knuts Lieblingspfleger war, sah man auch.
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Zum ersten Geburtstag brachte Dörflein Knut gemeinsam mit Tierpfleger Ronny Henkel eine Geburtstagstorte.
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Je älter Knut wurde, desto öfter war Thomas Dörflein nur noch Zaungast - der Bär wurde immer größer, kräftiger und damit auch gefährlicher.
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Im Oktober 2007 verlieh Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Dörflein den Verdienstorden des Landes Berlin. Im Dezember darauf wählten die Leser der Berliner Morgenpost und die Hörer des Radiosenders 94.3Rs2 den Bärenvater zum Berliner des Jahres.
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Dörflein hinterlässt zwei erwachsene Kinder sowie seine Lebensgefährtin Daniela mit ihrem sechsjährigen Sohn Louis.
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Mit Louis kam der Tierpfleger Anfang des Jahres zur Filmpremiere von "Knut und seine Freunde".
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Auch Knut, der das Spielen mit Dörflein immer sichtlich genossen hatte, wird seinen Pfleger wohl vermissen.
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Und so lag Knut nach dem Tod von Thomas Dörflein im Gehege.
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Er sieht in der Tat traurig aus ...
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... und scheint sich zu fragen, was nun wird.
Angenehm hingegen scheint, in Talkshows zu plaudern, Tantiemen für Bücher zu kassieren (die dann andere schrieben), auf Galaempfängen das Büfett zu plündern und Preise in Empfang zu nehmen.
Thomas Dörflein wollte Tierpfleger sein und bleiben. Dafür verzichtete er auf eine Menge Geld. Er hätte sich einen PR-Berater nehmen, Werbeverträge abschließen und Aufrufe zur Rettung der Welt verfassen können. Doch selbst die Avancen weiblicher Fans brachten ihn nicht aus der Ruhe. Die Gefühlswelle, die der Tod des Tierpflegers auslöste, ist mit dem Knut-Hype nicht ausreichend erklärt. Da war mehr. Je häufiger man Thomas Dörflein im Jahr 2007 sah, desto mehr wuchs der Respekt vor ihm. Ein Mensch, der unverhofft berühmt wurde, jedoch keine wohlfeilen Sprüche klopfte und sich nicht vor Kameras prostituierte.
War es diese Wortkargheit, die ihn so sympathisch machte? Dörfleins Wirkung beruhte nicht auf effekthascherischem Schweigen. Das Besondere lag in der Weigerung, die ihm zugedachte Rolle anzunehmen. Dörflein machte nicht auf „Bärenflüsterer“ oder „Klimabotschafter“, sondern blieb Tierpfleger. Menschen, die durch Genügsamkeit und Gelassenheit ihre Seelenruhe finden, sind selten geworden in einem Klima hitziger Eitelkeit, in dem selbst Terroristen in die Talkshows drängeln und Pilgerreisen zu Events werden.
Der bewusste Verzicht auf öffentliche Präsenz irritiert mehr als alles andere. Sogar mehr als der Verzicht auf Geld. Wer sich von Besitz befreit, möchte auch dies in der Regel allen verkünden, das ungläubige Staunen und die Achtung der anderen genießen. Nichts sagen, nichts wollen, nichts fordern: Das ist die größtmögliche Provokation. Was hatte dieser Mensch, dass er die Selbstbestätigung nicht brauchte, nach der wir alle gieren? Dörflein wurde zur Ikone, weil er ein radikales Gegenbild war, ein moderner Diogenes.
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Wer längere Zeit Tiere beobachtet, der wird ein anderer. Tiere lehren, dass Zufriedenheit beginnt, wo Eitelkeit endet. Von Tieren kann man auch lernen, sich nicht ablenken zu lassen. Wer Dörflein bei der Arbeit zusah, dem fiel sofort diese Konzentration auf. Autogramme? „Ja gern, aber erst muss ich die Wildhunde füttern.“ Das klang nicht arrogant. Er konzentrierte sich nur auf das, was ihm wichtig war: die Tiere. Tiertümelei? Wer täglich zu einem Rudel Wölfe ins Gehege geht, kennt Tiere zu gut, um sie zu vermenschlichen.
Wer Nein sagen kann, ist frei. Er entdeckt ein Gefühl, von dem uns eingeredet wird, man bekomme es einzig in schnellen Autos, auf Urlaubsreisen oder beim Ausüben trendiger Sportarten. Doch nur der Genügsame kann wirklich frei sein. Das ist das Provozierende an seiner Existenz.
Der Genügsame ist kein Asket, der anderen durch leidvollen Verzicht ein moralisches Vorbild geben will. Der Genügsame konzentriert sich auf das, was er wichtig findet. Und wenn es für alle anderen unwichtig ist – umso besser. Er ist die radikalste Infragestellung einer Kultur, deren Währung die Aufmerksamkeit ist. Wer nicht mitmacht, muss stark sein. Oder vielleicht einen kleinen Bären zum Freund haben, für den die Welt eine Kuscheldecke ist.
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