Gesellschaft: Die Faszination des Tierpflegers Thomas Dörflein - Nachrichten Panorama - WELT ONLINE

Anmelden | 27. September 2011, 11:16 Uhr

Gesellschaft

Drucken Bewerten Autor: Michael Miersch| 05.10.2008

Die Faszination des Tierpflegers Thomas Dörflein

Vor zwei Wochen starb der Berliner Tierpfleger Thomas Dörflein, der Ziehvater des Eisbären Knut. Die Anteilnahme am Tod des Mannes ist nach wie vor hoch. Dafür gibt es gute Gründe in einem gesellschaftlichen Klima hitziger Eitelkeit, wo selbst Terroristen in Talkshows drängeln und Pilgerreisen zu Events werden.

Trauer um Thomas Dörflein
Foto: DPA Eine Schülerin kondoliert im Berliner Zoo

Tierpfleger ist kein bequemer Beruf. Man hat mit Wesen zu tun, die streng riechen, Hygieneregeln ignorieren und nicht wissen, was ein Dienstschluss ist. Sie haben ständig Angst, nicht genügend Futter zu bekommen, wehren sich nach Leibeskräften, wenn man ihnen helfen will, und sagen nicht einmal Danke, wenn man ihren Stall ausmistet.

Knuts Ziehvater Thomas Dörflein
D/Leute/Jahreswechsel/2007/2008/Rubrik
Foto: AFP Die Mutter von Eisbär Knut wollte ihr Junges nicht, also kümmerte Tierpfleger Thomas Dörflein sich ab Dezember 2006 aufopfernd um den kuscheligen Kleinen.

Angenehm hingegen scheint, in Talkshows zu plaudern, Tantiemen für Bücher zu kassieren (die dann andere schrieben), auf Galaempfängen das Büfett zu plündern und Preise in Empfang zu nehmen.

Thomas Dörflein wollte Tierpfleger sein und bleiben. Dafür verzichtete er auf eine Menge Geld. Er hätte sich einen PR-Berater nehmen, Werbeverträge abschließen und Aufrufe zur Rettung der Welt verfassen können. Doch selbst die Avancen weiblicher Fans brachten ihn nicht aus der Ruhe. Die Gefühlswelle, die der Tod des Tierpflegers auslöste, ist mit dem Knut-Hype nicht ausreichend erklärt. Da war mehr. Je häufiger man Thomas Dörflein im Jahr 2007 sah, desto mehr wuchs der Respekt vor ihm. Ein Mensch, der unverhofft berühmt wurde, jedoch keine wohlfeilen Sprüche klopfte und sich nicht vor Kameras prostituierte.


War es diese Wortkargheit, die ihn so sympathisch machte? Dörfleins Wirkung beruhte nicht auf effekthascherischem Schweigen. Das Besondere lag in der Weigerung, die ihm zugedachte Rolle anzunehmen. Dörflein machte nicht auf „Bärenflüsterer“ oder „Klimabotschafter“, sondern blieb Tierpfleger. Menschen, die durch Genügsamkeit und Gelassenheit ihre Seelenruhe finden, sind selten geworden in einem Klima hitziger Eitelkeit, in dem selbst Terroristen in die Talkshows drängeln und Pilgerreisen zu Events werden.

Der bewusste Verzicht auf öffentliche Präsenz irritiert mehr als alles andere. Sogar mehr als der Verzicht auf Geld. Wer sich von Besitz befreit, möchte auch dies in der Regel allen verkünden, das ungläubige Staunen und die Achtung der anderen genießen. Nichts sagen, nichts wollen, nichts fordern: Das ist die größtmögliche Provokation. Was hatte dieser Mensch, dass er die Selbstbestätigung nicht brauchte, nach der wir alle gieren? Dörflein wurde zur Ikone, weil er ein radikales Gegenbild war, ein moderner Diogenes.

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Wer längere Zeit Tiere beobachtet, der wird ein anderer. Tiere lehren, dass Zufriedenheit beginnt, wo Eitelkeit endet. Von Tieren kann man auch lernen, sich nicht ablenken zu lassen. Wer Dörflein bei der Arbeit zusah, dem fiel sofort diese Konzentration auf. Autogramme? „Ja gern, aber erst muss ich die Wildhunde füttern.“ Das klang nicht arrogant. Er konzentrierte sich nur auf das, was ihm wichtig war: die Tiere. Tiertümelei? Wer täglich zu einem Rudel Wölfe ins Gehege geht, kennt Tiere zu gut, um sie zu vermenschlichen.

Wer Nein sagen kann, ist frei. Er entdeckt ein Gefühl, von dem uns eingeredet wird, man bekomme es einzig in schnellen Autos, auf Urlaubsreisen oder beim Ausüben trendiger Sportarten. Doch nur der Genügsame kann wirklich frei sein. Das ist das Provozierende an seiner Existenz.

Der Genügsame ist kein Asket, der anderen durch leidvollen Verzicht ein moralisches Vorbild geben will. Der Genügsame konzentriert sich auf das, was er wichtig findet. Und wenn es für alle anderen unwichtig ist – umso besser. Er ist die radikalste Infragestellung einer Kultur, deren Währung die Aufmerksamkeit ist. Wer nicht mitmacht, muss stark sein. Oder vielleicht einen kleinen Bären zum Freund haben, für den die Welt eine Kuscheldecke ist.


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