Deutsche Grand-Prix-Teilnehmer seit 1956 ...
Lena Meyer-Landrut, unsere Kandidatin beim Eurovision Song Contest in Oslo, versetzt die Nation in helle Verzückung. Sie ist so, wie sich das heutige Deutschland gerne selbst sehen möchte: arglos, aufgeschlossen, moralisch integer – und dabei doch ein ganz klein wenig verrückt.
Mit gleich drei Titeln unter den ersten Fünf stieg Lena Meyer-Landrut diese Woche in die deutschen Single-Charts ein. Das, so wurde uns in zahllosen Medienkommentaren eingeschärft, ist noch nie jemandem gelungen, nicht einmal den Beatles. Die konnte man damals freilich auch noch nicht „downloaden“ – in den Genuss ihrer Aufnahmen also nicht kommen, ohne sich zumindest bis zum nächsten Plattenladen in Bewegung zu setzen.
Was uns die PR-Trommel mit dieser Anspielung auf die Fab Four suggerieren will, ist aber, dass unsere Lena, die Deutschland mit dem Titel „Satellite“ im Mai in Oslo beim Eurovision Song Contest vertreten wird, aus dem Nichts heraus auf Weltniveau emporgeschossen sei.
Schließlich hätten sich auch ausländische europäische Kritiker bereits von ihr angetan gezeigt, in englischen Wettbüros werde sie schon als Favoritin auf den Sieg in Oslo gehandelt. So fiebert sich die deutsche Song Contest-Gemeinde in eine Art Fußball-WM-Euphorie hinein, bei der nach anfänglichen quälenden Zweifeln an der Leistungskraft unseres Nationalteams ja auch immer schon fest steht, dass nur wir Weltmeister werden können.
Rückschlüsse auf die tatsächlichen Erfolgschancen beim Song Contest lässt die deutsche Chartposition eines Wettbewerbssongs erfahrungsgemäß freilich gar nicht zu.
Ganz Deutschland aber scheint so vernarrt in seine unverhoffte gesangliche Neuentdeckung, dass die Überzeugung wächst, auch die Anderen könnten gar nicht anders, als sie ebenso zu lieben. Die Nation schlagartig in derartig helle Verzückung zu versetzen – das hat seit dem Eisbären-Baby Knut nichts und niemand mehr geschafft. Tatsächlich hat die Lena-Euphorie mit der Knut-Mania einige Ähnlichkeit.
Wenn die zierliche, zweifellos hoch talentierte Sängerin mit dem niedlichen Puppengesicht und den mal arglos aufgerissenen, dann wieder schelmisch blitzenden dunklen Knopfaugen singend in die Kamera flirtet, dann hört man geradezu den millionenfachen Aufschrei, der einst allen entfuhr, die zum ersten Mal des kleinen tapsigen Pelztieres ansichtig wurden: „Ooh, wie süüß!“
Lena wirkt zum knuddeln unschuldig und lieb. Auf ihrem Video zu „Satellite“ – einem eher seichten Song, der sich aber gnadenlos ohrwurmartig ins Gehirn frisst – agiert sie in einem Habitus, der eher an den eines aufgeweckten Kind als einer jungen Frau gemahnt.
Lenas Tanzbewegungen wirken so spontan und unberechnet, wie man es von einem Kind kennt, das vom Rhythmus der Musik ganz einfach ergriffen wird und sich ihm so überlässt, wie er in seinem Körper hineinschwingt. Bei allem infantilen Charme findet sich bei ihr aber keine Spur von lolitahaften Anspielungen. Lena ist aus gutem Hause, ein durch und durch braver und sauberer, asexueller Liebling für die ganze Familie, der im April erst einmal ordentlich ihre Abiturprüfungen absolvieren wird.
Allerdings weiß die 18-jährige Hannoveranerin offenbar durchaus, wie gut diese scheinbare kindliche Einfalt beim Publikum ankommt und nutzt dieses Wissen. Sie bricht ihre ansonsten schmucklosen Darbietungen durch kleine Überraschungs- und Irritationsmomente – abrupte, gegen die Erwartung gebürstete Gesten oder mimische Gimmicks, die bis hart an die Grenze der Alberei reichen.
Mal verzieht sie das Mündchen spöttisch oder keck, um im nächsten Moment wieder zu strahlen, als gehöre ihr alles Glück der Welt ganz allein. Seht her, scheint sie dem Publikum zuzurufen, es macht mir einfach Riesenspaß, hier zu stehen und euch ab und zu gar ein bisschen an der Nase herumzuführen, denn ich nehme das alles nicht allzu ernst.
Das Studiopublikum bei der von Stefan Raab dirigierten Ausscheidungs-Castingshow „Unser Star für Oslo“ (USFO) war von dieser eigenartigen Kombination aus fast streberhafter Konzentration auf die eigene Leistung und nervöser Zappeligkeit, von drolliger Harmlosigkeit und einem winzigen Hauch punkiger Verrücktheit bis zum Anschlag hingerissen.
Wenn etwa Lena auf Raabs ironische Bemerkung, sie habe eine geradezu abenteuerliche Atemtechnik, erwiderte: „Ich habe überhaupt keine“, hielt es die Leute vor kichernden Entzücken kaum auf den Sitzen. Die Illusion ihrer unverstellten Natürlichkeit und Authentizität ist für die Vermarktung des Produkts Lena zentral, wie auch die Suggestion, hier ginge es gar nicht um ein großen Geschäft für die Musikindustrie, sondern nur um die Förderung jugendlicher Sangeskunst.
Lena wurde nicht müde zu beteuern, wie sehr sie allem äußeren Tand und Star-Rummel um ihre Person abhold sei, da sie nichts anderes wolle als singen und dabei „sie selbst“ zu sein. Selbst jedes Konkurrenzgefühl und allen Siegesehrgeiz dementierte sie beharrlich in zunehmend routiniert aufgesagten Sätzen: „Ich habe hier schon so viel gewonnen, dass es für mich gar kein Problem wäre, rauszufliegen.“
Lena ist das idealisierte Gegenbild jener unheimlichen, moralisch verwildernden Jugend, die den verängstigten älteren Generationen in Horrorberichten über entfesselt prügelnde, wenn nicht gar um sich schießende oder zumindest zum Komasaufen entschlossene Youngster entgegentritt.
Sie hat auch nichts gemein mit jenen Prekariatssprößlingen aus Dieter Bohlens trashigem „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), wo vorbestrafte oder in jungen Jahren bereits von Suizidgedanken heimgesuchte Kandidaten ihren Weg zur Popstar-Karriere als verzweifelten Kampf um ihre letzte Chance inszenieren.
Bei Lena muss man keine Enthüllungen fürchten wie die über den DSDS-Favoriten Menowin, der schon mal im Knast einsaß und drei Kinder mit seiner Cousine hat. Nie wird man sie auf dem Klo einer Edeldisco bei Vorbereitungen zum Koksen erwischen, wie das mit DSDS-Sänger Helmut der Fall war, der deshalb soeben spektakulär aus der Show flog.
Die Enkelin eines hohen deutschen Diplomaten ist das wohlbehütete einzige Kind einer gut situierten bürgerlichen Familie, und ihre Beteuerungen, keine Ambitionen auf eine Popstar-Laufbahn zu hegen, wirken daher stets ein wenig wie die Koketterie einer höheren Tochter, die derlei tatsächlich nicht nötig hat.
Wenn sie mit überdeutlich artikuliertem Hochdeutsch über ihren Sieg sagt, das alles sei total „krass“ und „fett“, dann klingen diese Vokabeln aus der Sprache der jugendlicher Straßenkultur so weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit, als habe sie sie aus der Sprache jugendlicher Straßenkultur im Deutsch-Leistungskurs durchgenommen.
Wenn sie nach ihrem Sieg Interviews zurückweist, weil sie jetzt erst mal „zu meiner Mama“ flüchten müsse, dann brechen sich in unzähligen Elternherzen intensive Beschützerinstinkte Bahn, die das Talent unbedingt vor dem gierigen Zugriff eben jener gefräßigen medialen Öffentlichkeit schützen wollen, mit der Lena doch andererseits erstaunlich spielerisch-souverän umzugehen versteht.
Indem Deutschland in Oslo mit einer Reinheit und Arglosigkeit ausstrahlenden Kindchenfigur antritt, setzt es im Prinzip auf dasselbe Erfolgrezept, das vor 28 Jahren der damals 16-jährigen Nicole und ihrem zur Klampfe geträllerten Lied „Ein bisschen Frieden“ den bisher einzigen deutschen Grand-Prix-Sieg bescherte.
Gegenüber der in ein hochgeschlossenes Rüschenkleid gehüllten engelsblonde Bardin von 1982 ist Lena freilich eine radikal modernisierte Version des netten Mädchens von nebenan. Damals, kurz vor dem Anbruch der Ära Kohl, heischte Deutschland noch vorsichtig tastend nach internationaler Beglaubigung seiner neu errungenen unbedingten Friedfertigkeit, die man dem Ausland nun auch nicht zu auftrumpfend präsentieren wollte. So beschränkte sich die junge Naive mit der Gitarre damals auf die gemäßigte Forderung nach „ein bisschen“ Frieden, um nicht den Eindruck zu erwecken, wir Deutsche wollten schon wieder alles auf einmal, und sei es nur das Gute.
Gleichwohl transportierte der damalige Siegerhit eine Botschaft, in der noch das inzwischen zum allgemeinen Kulturgut abgesunkene Love-and-Peace-Pathos der Hippiegeneration nachschwang. Bei Die Botschaft von Lena hingegen ist Lena selbst.
Zwischen Nicole und ihr liegt die Epoche der Postmoderne und ihre Schule der Ironisierung selbst des vermeintlich Authentischen. Mit Lena und ihrem in eigenartig imitierten britischen Akzent vorgetragenen englischen Titel rufen wir Deutschen Europa zu: Ihr könnt uns ruhig wählen. Wir wollen nur spielen.
Deutsche Grand-Prix-Teilnehmer seit 1956 ...
1956
Walter Andreas Schwarz "Im Wartesaal zum großen Glück" und Freddy Quinn "So geht das jede Nacht"
Freddy Quinn und Walter Andreas Schwarz traten als Einzelinterpreten an – ihre Platzierung ist jedoch unbekannt, da nur die Siegerin (Lys Assia aus der Schweiz) verkündet wurde.
1957
Margot Hielscher "Telefon, Telefon"
Platz 4
1958
Margot Hielscher "Für zwei Groschen Musik"
Platz 7
1959
Alice & Ellen Kessler "Heute Abend wollen wir tanzen gehen"
Platz 8
1960
Wyn Hoop "Bonne nuit, ma cherie"
Platz 4
1961
Lale Andersen "Einmal sehen wir uns wieder"
Platz 13
1962
Conny Froboess "Zwei kleine Italiener"
Platz 6
1963
Heidi Brühl "Marcel"
Platz 9
1964
Nora Nova "Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne"
Platz 13
1965
Ulla Wiesner "Paradies, wo bist Du?"
Platz 15
1966
Margot Eskens "Die Zeiger der Uhr"
Platz 10
1967
Inge Brück "Anouschka"
Platz 8
1968
Wencke Myhre "Ein Hoch der Liebe"
Platz 6
1969
Siw Malmkvist "Primaballerina"
Platz 9
1970
Katja Ebstein "Wunder gibt es immer wieder"
Platz 3
1971
Katja Ebstein "Diese Welt"
Platz 3
1972
Mary Roos "Nur die Liebe läßt uns leben"
Platz 3
1973
Gitte "Junger Tag"
Platz 8
1974
Cindy & Bert "Die Sommermelodie"
Platz14
1975
Joy Fleming "Ein Lied kann eine Brücke sein"
Platz 17
1976
Les Humphries Singers "Sing Sang Song"
Platz 15
1977
Silver Convention "Telegram"
Platz 8
1978
Ireen Sheer "Feuer"
Platz 6
1979
Dschinghis Khan "Dschinghis Khan"
Platz 4
1980
Katja Ebstein "Theater"
Platz 2
1981
Lena Valaitis "Johnny Blue"
Platz 2
1982
Nicole "Ein bißchen Frieden"
Platz 1
1983
Hoffmann & Hoffmann "Rücksicht"
Platz 5
1984
Mary Roos "Aufrecht gehen"
Platz 13
1985
Wind "Für alle"
Platz 2
1986
Ingrid Peters "Über die Brücke gehen"
Platz 8
1987
Wind "Laß' die Sonne in Dein Herz"
Platz 2
1988
Maxi & Chris Garden "Lied für einen Freund"
Platz 14
1989
Nino de Angelo "Flieger"
Platz 14
1990
Chris Kempers & Daniel Kovac "Frei zu leben"
Platz 9
1991
Atlantis 2000 "Dieser Traum darf niemals sterben"
Platz 18
1992
Wind "Träume sind für alle da"
Platz 16
1993
Münchener Freiheit "Viel zu weit"
Platz 18
1994
MeKaDo "Wir geben 'ne Party"
Platz 3
1995
Stone & Stone "Verliebt in Dich"
Platz 23
1996 wurde die Qualifikation verpasst; seitdem ist Deutschland als größter Geldgeber automatisch für das Finale qualifiziert.
1997
Bianca Shomburg "Zeit"
Platz 18
1998
Guildo Horn "Guildo hat euch lieb"
Platz 7
1999
Sürpriz "Reise nach Jerusalem - Küdüs'e seyahat"
Platz 3
2000
Stefan Raab "Wadde hadde dudde da"
Platz 5
2001
Michelle "Wer Liebe lebt"
Platz 8
2002
Corinna May "I Can't Live Without Music"
Platz 21
2003
Lou "Let's Get Happy"
Platz 12
2004
Max Mutzke "Can't Wait Until Tonight"
Platz 8
2005
Gracia "Run & Hide"
Platz 24
2006
Texas Lightning "No No Never"
Platz 15
2007
Roger Cicero "Frauen regier'n die Welt"
Platz 19
2008
No Angels "Disappear"
Platz 23
2009
Alex swings Oscar sings "Miss Kiss Kiss Bang"
Platz 20
2010
Lena Meyer-Landrut "Satellite"
Platz 1
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