: Tod eines Lebensretters

Zusammen waren sie Stars: der kleine weiße Puschel und der sanfte Mann mit dem schwarzen Bart. Am Montag starb Thomas Dörflein, Ziehvater von Eisbär Knut. Es war ein Herzinfarkt

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Aus der ganzen Stadt sind sie zusammengekommen, sie stehen vor dem Gehege. Ein Mädchen hat eine Rose an das Geländer gebunden. Dazu einen Brief in einer Klarsichtfolie. Es regnet, und die Hülle wird nass. Es ist ein Abschiedsbrief. „In so kurzer Zeit bist Du ein Freund für uns geworden“, steht da.

21 Monate lang war Thomas Dörflein der Ziehvater von Eisbärbaby Knut. Sie waren der sanfte Mann mit den vielen Muskeln und ein kleiner, niedlicher weißer Puschel mit Knopfaugen. Sie waren Stars. Drei Millionen Besucher haben sie gesehen im Berliner Zoo, und fast die ganze Welt hat von ihnen gewusst.

Und jetzt ist Thomas Dörflein tot.

Was ist denn bloß passiert, fragen sich die Menschen am Gehege fassungslos. Er war doch erst 44 Jahre alt. Sie wissen nur dies: Dörflein war am Tag zuvor, am Montag bei Freunden im Berliner Stadtteil Wilmersdorf zu Besuch, und dort soll er sich plötzlich an die Brust gegriffen haben und wortlos zusammengesackt sein.

Als die Knut- und Dörflein-Fans sich trauernd zusammenfinden, liegt Dörfleins Körper schon in der Gerichtsmedizin. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn abholen lassen, schnellstmöglich sollte festgestellt werden, wie der Mann so plötzlich hatte sterben können. Für Mord oder Selbstmord gebe es keine Anhaltspunkte, so viel ist schon klar. Aber was war es dann? Die einen sagen am Dienstagmorgen noch, man habe gehört, Dörflein sei schwer krank gewesen. Die anderen wissen nur von einer Operation am Knie. Am späten Nachmittag stellt sich dann heraus: Es war ein Herzinfarkt. Ausgelöst durch eine frisch gebildete Thrombose. Die Verstopfung von Blutgefäßen durch ein Gerinnsel führte zur mangelhaften Blutversorgung des Herzens.

Immer mehr Blumen, Briefe, Kerzen werden im Laufe des Tages vor Knuts Gehege abgelegt. „Lieber Thomas, wir werden Dich so vermissen, wir sind alle ganz traurig“, steht auf einer Karte. Eine Frau Ende 50 mit kurzen, hochgegelten Haaren hat geweint, ihre Augen sind geschwollen, die Nase ist rot, sie trägt Taschentücher in der Hand. Sie sei „zu traurig“ um über Dörfleins Tod zu sprechen, sagt sie. Nur dies: „Von einem Tag auf den anderen ist alles anders.“ Ein Mann im Rentenalter sitzt mit einer Thermoskanne auf der Bank vor Knuts Gehege. „Ich wollte es gestern ein halbe Stunde lang gar nicht glauben“, sagt er. Die Frau, die neben ihm steht, sagt: „Ich bin erschüttert.“ Sie habe ihn am Mittwoch noch gesehen. Und ich am Sonnabend, übertrumpft sie der Rentner. Er kenne sogar jemanden, der ihn am Sonntag getroffen habe! Es klingt, als sei Dörflein eine Art Fabelwesen, nicht mehr real, jede Begegnung im Nachhinein kostbar.

Und noch ein Brief wird öffentlich. Der Regierende Bürgermeister hat ihn der Mutter des Toten geschickt. Es sei für alle unfassbar, „dass dieser große, starke, sympathische Mann nicht mehr lebt“, steht da. Mit der erfolgreichen Aufzucht von Knut habe Dörflein Berliner Geschichte geschrieben. Dabei sei er immer bescheiden geblieben. Zu einer „Ikone“ sei Dörflein geworden, ergänzt Kulturstaatssekretär André Schmitz.

Angefangen hat das alles vor nicht einmal zwei Jahren, am 5. Dezember 2006. Bärenpfleger Dörflein war da, als die Eisbärin Tosca ihren Nachwuchs nicht annehmen wollte. Fünf Stunden lang froren zwei Junge neben der Bärin, die nicht reagierte, eines starb, dann griff Dörflein zur Pipette und flößte dem anderen Milch und Lebertran ein. Später erzählte Dörflein, er sei hin und weg gewesen, als der Eisbär das erste Mal die Augen öffnete.

Inzwischen ist aus Knut, dem Baby, ein 100-Kilogramm-Tier geworden. Niedlich ist er schon lange nicht mehr. Während vor dem Gehege die Menschen über Dörflein sprechen, rennt er aufgescheucht herum. Trauert er um seinen Pfleger? „Ich bin mir sicher, dass er ihn vermisst“, sagt eine Besucherin. Der Mann auf der Bank sagt: „Spätestens in zwei Wochen, merkt Knut, dass Dörflein nicht nur im Urlaub ist.“ Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz sieht das ganz anders: „Eisbären können nicht trauern“, stellt er fest. Menschenaffen oder Elefanten, ja, die trauerten vielleicht, aber Knut, der sei „fidel wie immer“. Wäre er jünger, wäre das anders: „Da hätte er ihn gesucht wie ein Hundewelpe seine Mutter.“ Aber inzwischen sei Dörflein ja keine Bezugsperson mehr für ihn. Sagt Blaszkiewitz. Er hatte vor gut einem Jahr Distanz verordnet, weil der Eisbär so groß und stark geworden war.

Es hat seit Knuts Geburt viel Geschrei um den Bären gegeben. Der Herkunftszoo des Vaters wollte etwas abhaben von dem vielen Geld, das der Berliner Zoo mit seinem Star einnahm. Tom Cruise hat ihn mit seinem „Cute Knut!“-Zitat zum Pflichtprogramm gemacht. Ein Film wurde gedreht. Tierschützer verlangten ein größeres Gehege für den Bären. Andere Zoos bewarben sich schon einmal darum, den Bären zu übernehmen, sobald er groß genug ist. Und mit ihm stand Thomas Dörflein wie kaum ein anderer Berliner in den vergangenen zwei Jahren im Rampenlicht. Gemocht hat er das aber nicht. Er war sehr zurückhaltend. „Wenn ich einkaufen gehe, spricht mich jeder Zweite an, das ist echt nicht zu glauben. Und alle sagen immer, ich soll Knut grüßen“, sagte er einmal, da dauerte der Knut-Hype schon über ein Jahr an, und alle dachten, damit sei es bald vorbei. Selbst im Ausland musste Dörflein Autogramme geben. Er sprach mit der Presse und dem Fernsehen freundlich, aber ein bisschen widerwillig. Man sage ihm sowieso nach, dass er eigenartig sei, hat er über sich erzählt: „also sehr verschlossen“. Vielleicht sei das aber auch das Geheimnis seines Erfolges mit Knut. „Ich musste mich nicht ändern, und er musste sich auch nicht ändern.“

In seinem einfachen Arbeitszimmer haben sich Liebesbriefe von Frauen aus aller Welt gestapelt. Dabei lebte er doch zusammen mit seiner Freundin und deren kleinem Sohn, hatte auch zwei eigene Kinder. Befremdlich hat er diese Briefe mal abwehrend genannt. Aber wenn er von Knut erzählte, dann konnte er kein Ende finden, lebhaft berlinerte er los. Dann zeigte er einmal ausnahmsweise seine einfache Schlafstätte neben dem Büro, wo er „Knuddel-Knut“ als Baby alle paar Stunden nachts die Flasche gegeben hat. Bei einem Gespräch Anfang des Jahres hat Thomas Dörflein auch verraten, dass er morgens immer noch mit Knut kuschelt. Damals hat er gesagt: „Aber schreiben Sie das nicht.“ Zu der Zeit war ihm der direkte, der schutzlose Umgang mit Knut schon verboten worden.

Heute darf man es sicher schreiben, denn es erlaubt einen Einblick in Dörfleins Gefühlsleben und Einsatzbereitschaft. Er mache das so, wie er das fürs Tier für richtig halte, hat Dörflein an jenem Tag gesagt. Und: „Der Bär braucht das.“ Da hatte er schon eine Abmahnung vom Zoo-Chef bekommen, weil er ins Gehege gestiefelt war, um ein ungeeignetes Spielzeug, das Besucher hineingeworfen hatten, herauszuholen. Doris Webb, Begründerin der Initiative „Knut forever in Berlin“, die wie viele Eisbärenfreunde fast täglich an Knuts Gehege steht, glaubte noch bis zuletzt, am Verhalten des Bären ausmachen zu können, ob der Ziehpapa im Dienst war oder nicht.

„Ich kann es nicht fassen, dass es das nie wieder geben wird. Dörflein und Knut“, sagt Doris Webb am Dienstag. Noch am Sonnabend habe der Pfleger mit dem Ziehsohn im Zoo Geburtstag gefeiert. Und vor wenigen Tagen hat Doris Webb mit Dörflein noch gescherzt: „Wenn Sie die Meniskus-Operation hinter sich haben, holen wir Sie mit dem Rollstuhl ab und schieben Sie zu Knut ins Gehege.“ Da hat er laut gelacht.

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