HOLSTEINISCHER COURIER
"Endlich hab ich (wieder) einen Bruder"
Nach mehr als sechs Jahrzehnten endlich wiedervereint: Hildegard Jezewski und Richard Bollig. Foto: Appunn
Vor wenigen Tagen sind sie sich praktisch zum ersten Mal begegnet. Doch nichts am Umgang der beiden Geschwister wirkt "awkward" (peinlich, unbehaglich) wie man in der amerikanischen Heimat von Richard Bollig sagen würde.
Vor mehr als 60 Jahren wurden die Geschwister getrennt: Richard und Hildegard Bollig, er nur zwei Jahre älter als sie, werden von der unverheirateten Mutter in ein Waisenhaus in Westfalen gegeben. Vermutlich gemeinsam, aber sicher wissen sie das nicht. "Gesehen" haben sie sich zum letzten Mal bevor Hildegard 1947 im Alter von zwei Jahren adoptiert wurde. "Mein Adoptivvater wollte auch meinen Bruder annehmen, aber meine Adoptivmutter war dagegen", hat Hildegard Jezewski später in Erfahrung gebracht.
Richard Bollig wuchs stattdessen zunächst bei einer Verwandten "Tante Käthe" auf, die er lange für seine Mutter hielt. Dann wurde er 1958 von seiner leiblichen Mutter in die USA geholt. "Sie haben mir gesagt, dass ich eine Schwester habe", erinnert sich Bollig. Hildegard Jezewski erfuhr in ihrem 14. Lebensjahr von der Adoption und ihrem Bruder. "Heute weiß ich, dass meine Mutter noch einmal versucht hat, mich wiederzubekommen, aber das war wegen der Adoption nicht möglich." Böse sei sie nicht auf die leibliche Mutter, die nach der Auswanderung nie wieder versucht hat Kontakt aufzunehmen, aber traurig, dass sie von ihr aufgegeben wurde.
"Endlich hab ich einen Bruder!" Hildegard Jezewski strahlt vor tiefer Genugtuung und Freude. An das Einzelkinddasein bei den Adoptiveltern denkt sie nur ungern zurück. Mit einem Bruder an ihrer Seite wären die schweren Arbeiten und Schläge, die die Adoptivmutter austeilte, wahrscheinlich leichter zu ertragen gewesen.
Richard erging es in Chicago besser. Nach Schule und Militärdienst folgte eine Tätigkeit als Bauunternehmer. Eine Chance, die Schwester wiederzufinden, sah er jedoch nie. "Ich hatte gar keine Unterlagen", erklärt Richard in nahezu akzentfreiem Deutsch. So ist es der Initiative von Hildegard zu verdanken, dass sie in der vergangenen Woche, an ihrem 64. Geburtstag, den verlorenen Bruder in die Arme schließen konnte. "Wir haben uns am Flughafen gleich erkannt", versichern beide.
Einen ersten Anlauf den Bruder zu finden startete Hildegard Jezewski bereits 1997. Sie schrieb an das Jugendamt in Westfalen, um mehr über ihre leiblichen Angehörigen herauszufinden. Man schickte ihr die Unterlagen und gab ihr den Hinweis, dass sie damit den internationalen Dienst des Roten Kreuzes mit der Suche nach ihrem Bruder beauftragen könnte. Doch Hildegard Jezewski zögerte. Zu viel Kummer hatte ihr die Familie schon bereitet; sie fürchtete ein mögliches Wiedersehen mit der Mutter oder die Nachricht, dass der Bruder verstorben oder nicht am Kontakt mit ihr interessiert sei. "Jetzt bin ich rundum zufrieden, jetzt ist diese Familiengeschichte endlich erledigt", lautet heute Hildegards Fazit.
Nachdem sie den Suchdienst im Januar 2008 beauftragt hatte erhielt Richard Bollig im Herbst 2008 einen Anruf vom Roten Kreuz: Ob man seine Daten an die Schwester herausgeben dürfe? "Das hab ich aber gar nicht abgewartet, sondern sofort selbst an Hildegard geschrieben", erzählt Richard Bollig, und zeigt auf die Adresse der Jezewskis in Warder auf dem Schreiben des Roten Kreuzes.
Als Hildegard Jezewski am 14. Oktober 2008 den Brief aus Chicago in den Händen hielt, habe sie sich erstmal setzen müssen, ein Glas Wein trinken, eine Zigarette rauchen. "Erst dann konnte ich den Brief mit zitternden Händen öffnen".
Die Mutter sei bereits 1995 verstorben, erfuhr Hildegard. Der Bruder in Chicago hat, genau wie sie, zwei erwachsene Kinder. Seither sind sie per E-Mail und telefonisch regelmäßig in Kontakt. Und jetzt folgte der Besuch, einschließlich Sightseeing-Programm in Schleswig-Holstein, dem Austausch von Bildern, Erinnerungen und der Rekonstruktion der eigenen Geschichte. Aber die Hauptsache bleibt: "Endlich hab ich (wieder) einen Bruder".
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