Klimaerwärmung füllt Eisbärengefängnis
09.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Manche Bewohner des nordkanadischen Ortes Churchill schlafen nur mit einem Revolver unter dem Kopfkissen. Andere gehen nicht ohne Gewehr auf die Straße. Kinder werden unter Bewachung zur Schule gebracht und dürfen zu einer bestimmten Jahreszeit nicht draußen spielen. Denn in Churchill am Rande der arktischen Tundra kommen auf jeden Einwohner zwei Eisbären. Und die Eisbären werden immer hungriger als Folge der Klimaerwärmung.
Doch die Fastenzeit wird von Jahr zu Jahr länger. Denn durch den Anstieg der Temperaturen friert die Bay im Herbst später zu und taut im Frühjahr eher wieder auf. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Eisperiode um etwa drei Wochen verkürzt.
Kanadische Forscher haben festgestellt, dass die Tiere heute durchschnittlich zehn Prozent weniger wiegen als vor zwanzig Jahren. Außerdem bringen sie weniger Junge zur Welt. Nach Berechnungen des kanadischen Wissenschaftlers Ian Stirling ist die Zahl der Eisbären an der Westküste der Hudson Bay zwischen 1987 und 2004 um 22 Prozent gesunken. In Kanada leben zwei Drittel der etwa 25.000 Eisbären weltweit.
Doch immer häufiger ist das Gefängnis schon voll, sodass die Eisbären per Hubschrauber weiter nach Norden ausgeflogen werden müssen. Allerdings lassen sich Eisbären nur sehr schlecht in einem anderen Gebiet ansiedeln. Die Schneehöhlen, in denen sie ihre Jungen zur Welt bringen, werden oft über Generationen hinweg bewohnt.
In Churchill spielt man das Problem gern herunter, denn der Eisbären-Tourismus ist die Haupteinnahmequelle des Ortes. Doch die Naturschutzorganisation WWF befürchtet, dass Ursus maritimus, der Meerbär, noch in diesem Jahrhundert aussterben könnte. «Eisbären werden Geschichte sein», sagt die WWF-Klimaexpertin Catarina Cardoso. «Etwas, worüber unsere Enkel nur noch in Büchern nachlesen können.» (dpa)

