netzeitung.deKlimaerwärmung füllt Eisbärengefängnis

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Der 'Meerbär' Ursus maritimus (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der 'Meerbär' Ursus maritimus
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Die kanadische Hudson Bay friert immer später zu. Für die Bewohner des Ortes Churchill bedeutet das häufigere Begegnungen mit hungrigen Eisbären.

Von Christoph Driessen

Manche Bewohner des nordkanadischen Ortes Churchill schlafen nur mit einem Revolver unter dem Kopfkissen. Andere gehen nicht ohne Gewehr auf die Straße. Kinder werden unter Bewachung zur Schule gebracht und dürfen zu einer bestimmten Jahreszeit nicht draußen spielen. Denn in Churchill am Rande der arktischen Tundra kommen auf jeden Einwohner zwei Eisbären. Und die Eisbären werden immer hungriger – als Folge der Klimaerwärmung.

Rückgang seit zwanzig Jahren
Eisbären (Ursus maritimus) ernähren sich vor allem von Ringelrobben. Aber die können sie nur auf einer Eisdecke fangen, wenn die Beutetiere kurz zum Luftschnappen in einem Eisloch auftauchen. Im offenen Wasser sind die Robben viel zu schnell für ihre Verfolger. Da aber die Hudson Bay nur im Winter zugefroren ist, müssen die Eisbären im Sommer hungern. Notfalls können sie acht Monate ohne Nahrung auskommen. Dafür kann sich ihr Gewicht im Winter verfünffachen.

Doch die Fastenzeit wird von Jahr zu Jahr länger. Denn durch den Anstieg der Temperaturen friert die Bay im Herbst später zu und taut im Frühjahr eher wieder auf. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Eisperiode um etwa drei Wochen verkürzt.

Kanadische Forscher haben festgestellt, dass die Tiere heute durchschnittlich zehn Prozent weniger wiegen als vor zwanzig Jahren. Außerdem bringen sie weniger Junge zur Welt. Nach Berechnungen des kanadischen Wissenschaftlers Ian Stirling ist die Zahl der Eisbären an der Westküste der Hudson Bay zwischen 1987 und 2004 um 22 Prozent gesunken. In Kanada leben zwei Drittel der etwa 25.000 Eisbären weltweit.

Einsatz für die «Polar Bear Police»
Auf der Suche nach etwas Fressbarem streunen die größten Landraubtiere der Erde über die Müllkippe und durch die Gärten von Churchill. «Achtung Eisbären», steht auf großen Warnschildern. Manchmal dringt sogar ein Bär ins Haus ein und verspeist im Wohnzimmer eine Packung Hundefutter. Für solche Fälle gibt es die Eisbären-Notrufnummer, die 24 Stunden am Tag besetzt ist. Die «Polar Bear Police» betäubt den Eindringling dann mit einem Narkosegewehr. Anschließend wandert er ins Eisbärengefängnis von Churchill mit 24 Einzelzellen. Dort bleibt er, bis er im Winter auf der festen Eisdecke der Hudson Bay ausgesetzt werden kann.

Doch immer häufiger ist das Gefängnis schon voll, sodass die Eisbären per Hubschrauber weiter nach Norden ausgeflogen werden müssen. Allerdings lassen sich Eisbären nur sehr schlecht in einem anderen Gebiet ansiedeln. Die Schneehöhlen, in denen sie ihre Jungen zur Welt bringen, werden oft über Generationen hinweg bewohnt.

In Churchill spielt man das Problem gern herunter, denn der Eisbären-Tourismus ist die Haupteinnahmequelle des Ortes. Doch die Naturschutzorganisation WWF befürchtet, dass Ursus maritimus, der Meerbär, noch in diesem Jahrhundert aussterben könnte. «Eisbären werden Geschichte sein», sagt die WWF-Klimaexpertin Catarina Cardoso. «Etwas, worüber unsere Enkel nur noch in Büchern nachlesen können.» (dpa)