Krimi
Shanghai! Sie müssen diese Stadt sehen
Donnerstag, 4. Dezember 2008 10:43 - Von Marko MartinDer Schriftsteller Nury Vittachi ist ein skurriler Typ. Er redet unaufhörlich, aber nie über das, wonach er gefragt wird. Morgenpost Online trifft den berühmtesten Stadt-Exzentriker Asiens in Hongkong. Beim Gesprächs-Versuch bleibt Vittachis Fengshui-Detektiv glatt auf der Strecke.

Chief Inspector Henry Sham - ein Mittvierziger in Anzug und Krawatte und mit akkurat gestutztem Schnurbart - gibt zu Protokoll, er habe mit der verweigerten Beförderung nichts zu tun. Sein Kollege, Inspector Lee, fügt hinzu, seines Wissens sei der energische Constable Tsui-Po-ko als "Tiger" bekannt gewesen, habe im Team aber kaum Freunde gefunden. Hatten die im Hongkonger Stadtteil Tsim Sha Tsui traditionell starken Triaden also womöglich sogar polizeiinterne Tipps erhalten, als sie letztes Jahr eben jenen schweigsamen Constable Tsui Po-ko erschossen?
"Was weiß ich denn", sagt Nury Vittachi, Hongkongs berühmtester Krimiautor, mit unerwartet schriller Puppenstimme. "Ich lese nicht jeden Morgen die Zeitung, diese Zeitung."
"Weil die ,South China Morning Post' Sie 1997 wegen Verhöhnung des neuen, nunmehr pekinghörigen Gouverneurs herausgeschmissen hatte?"
Das interessante Leben des Nury Vittachi
Nury Vittachi betastet mit knabenhaften Fingern Bügel und Rahmen seiner Sonnenbrille. Draußen - auf der Mody Road nahe des Hafens, in eben jenem Tsim Sha Tsui-Distrikt - knallt schon am Morgen die Sonne auf die Scheiben der Geschäfte, doch hier drinnen bei Starbucks ist es angenehm kühl und dämmrig. Jazz tröpfelt aus den Lautsprechern. "Nein, nicht deswegen. Die Zeiten ändern sich, ich bin nicht nachtragend, und außerdem ist das Blatt in letzter Zeit ziemlich mutig. Sie wissen schon ..."
"Meinen Sie die Berichterstattung über die festlandchinesischen Versuche, Hongkong politisch weiter zu reglementieren, oder die Gerichtsreportagen über die Triaden und die Korruption bei der Polizei?"
Der schmächtige Mann im weißen Hemd mit dem hochgeschlossenen Kragen, welcher vor Jahren den cleveren "Fengshui-Detektiv" C. F. Wong erfand, lässt ein wieherndes Lachen ertönen, dass mit Sicherheit weder das Verlegenheits-Hihihi noch das sinistre Hohoho der Chinesen ist. Es klingt, nun ja, beinahe ein wenig tuntig.
"Sie wissen doch, dass der Wirkungskreis meines Helden nicht allein auf Hongkong reduziert ist."
Nury Vittachi, 1958 oder 1959 auf Ceylon geboren, aufgewachsen in Singapur und Großbritannien, lebt seit 1986 mit seiner anglo-irischen Frau und drei Adoptivkindern in Hongkong, und während wir uns noch still fragen, welches dieser Lebensdetails uns nun am überraschendsten erscheint, hören wir diesen Ton. Nicht zickig, eher sanft und spöttisch. "Sie wissen doch, dass der Wirkungskreis meines Helden nicht allein auf Hongkong reduziert ist."
Auftritt als schrille Gestalt
In der Tat ist C. F. Wong von Anfang an - das heißt, seit der journalistischen Schreibverbotsphase 1997, welche seinen Urheber nach eigenem Bekunden kurzzeitig zum "bestbezahlten Arbeitslosen Hongkongs" machte - international angelegt: Wenn schon ein neuer Detektiv im Meer der Krimi-Literatur, dann einer, der in Sydney ebenso ermittelt wie in Singapur und Shanghai. Folgerichtig trägt Nury Vittachis neuester, soeben im Zürcher Unionsverlag auf Deutsch erschienener Roman den Titel "Shanghai Dinner - Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt."
Nun hätten wir uns ja durchaus gern ein wenig über dieses Buch unterhalten, das unbestreitbare Lesevergnügen sozusagen literaturtheoretisch untermauert - allein, Nury Vittachi scheint inzwischen derart aufgedreht, als wäre in eine amerikanische Jungmänner-Sitcom plötzlich die schrillste Gestalt von Bollywood eingefallen.
"Haben Sie irgendetwas genommen, ich meine, im Sinne von...?"
"Dope? Ganja? Koks? Poppers? Exstacy?"
Der Autor von vier Detektivromanen, drei Kinderbüchern (sic!) und zahlreichen Kolumnenbänden schlägt die Hände zusammen und fährt sich anschließend mit ihnen über den kahl rasierten Schädel. "Oh, was glauben Sie denn? Bei Starbucks - immer nur Kaffee. Nein, ich dachte gerade an Shanghai, wo ich C. F. Wong all diese Abenteuer mit Terroristen, dem amerikanischen Präsidenten und einen weißen Elefanten erleben lasse. Was ich sagen will: Sie müssen diese Stadt besuchen, hören Sie?"
Unterhaltung im Sitcom-Ton
"Ich war schon da", höre ich mich mit Erstaunen im gleichen sentenziösen Sitcom-Ton antworten, "und mochte Shanghai nicht wirklich. Eine Art New York ohne New Yorker, ein Wolkenkratzer-Dorf ohne Village - wenn Sie verstehen."
"Oh ja!"
Nury Vittachi klatscht wieder begeistert in die Hände, runzelt dann die Augenbrauen und sagt mit gespielter somnambuler Unsicherheit: "Na ja, vielleicht sollte ich Mr. Wong demnächst ins gute alte Bangkok schicken. Waren Sie mal da, was meinen Sie zu Bangkok?"
"Gangbangcock", höre ich mich überrascht, aber prompt und mit entschiedener Pokermiene antworten. Wenn schon, denn schon - beziehungsweise in den Worten Walter Ulbrichts: Überholen ohne einzuholen. Vielleicht bringt ihn die Schocktherapie, so die vage Hoffnung, ja zu einem ernsthaften Gespräch über Literatur zurück.
Da der Romancier, dessen Großvater angeblich neben Mahatma Gandhi stand, als dieser ermordet wurde, nun zum ersten Mal an diesem sonnigen Vormittag länger als zehn Sekunden schweigt, scheint die Gelegenheit in der Tat günstig, wieder anderen Boden zu betreten.
Maliziöse Persiflage
"In Ihren Büchern ist viel von Feng-Shui, der spirituellen Idee der Geomantik, die Rede, mitunter jedoch in eher ironischer Weise. Sind Sie womöglich der Anti-Paulo-Coelho Südostasiens?" Na endlich: Statt Kreischen und Lachen ein ernsthaftes Kopfwiegen. Oder sagen wir: Die Darstellung ernsthaften Kopfwiegens.
Dann, nach einer Weile: "Well, Coelho ist vielleicht nicht immer so lustig wie ich, womit ich aber selbstverständlich nicht sagen will, all die Sachen mit Feng-Shui, Zen und spiritueller Erleuchtung seien nur Lückenbüßer-Possen auf dem Weg zum Plot."
Und was ist mit Passagen à la "Ein Gelehrter saß auf der Ebene der Krüge und las im Buch der ,Wandlungen'... C. F. Wong legte seinen Füllhalter nieder, blies die Seite trocken und schloss sorgfältig sein Notizbuch. Dann lehnte er sich gemächlich in seinen knarrenden, mit rotem Kunstleder bezogenen Bürostuhl zurück, faltete die Hände hinter dem Kopf und grinste."
Wenn dies nicht maliziöse Persiflage ist, was dann?
Lesen Sie mich auf Deutsch!
Es ist erneut die falsche Frage, denn statt zu antworten, beugt sich Mr. Vittachi jetzt vor, wackelt mit dem Zeigefinger, murmelt ein verschwörerisches "Ich sehe, Sie haben meine Bücher tatsächlich gelesen, my dear" und verweist mich quasi zur Belohnung auf Seite 18 der deutschsprachigen Ausgabe von "Shanghai-Dinner".
"Lesen Sie", fordert er auf einmal nicht ohne Strenge, "ich möchte hören, wie es in Ihrer Sprache klingt!" Nun denn: "Der korrekte chinesische Name des jungen Spediteurs lautete Cai Make, doch für Westler vertauschte er die Reihenfolge von Familiennamen und Rufnamen zu Marker Cai. Er war attraktiv: Für sich nannte ihn Wongs Assistentin immer Mister Singh - seufz! Sie träumte davon, ihn eines Tages so gut zu kennen, das sie ihn überreden konnte, statt des absurden ,Marker' den gebräuchlicheren Namen Mark, ja vielleicht" - Achtung, Leser und Vorleser! - "sogar die sexy Version Marc oder Marco anzunehmen."
"Na?"
Mr. Vittachi (Zur Erinnerung: verheiratet mit einer anglo-irischen Frau namens Mary und Vater dreier chinesischer Adoptivkinder), strahlt mir entrückt ins Gesicht. Anstatt jedoch das Kompliment zu würdigen, sage ich undankbar: "Marko. Mit k." "Oh, wie k.o.?"
Zeit für eine Huldigung
Der Detektiv-Erfinder beliebt zu blinzeln. "Yes", lautet die erschöpfte Antwort des Interviewers, und wäre dies jetzt kein Autorenporträt, sondern ein Cartoon, in der Sprechblase müsste wohl in Klammern ein "Grummel-Würg-Stöhn" stehen. Dennoch: Auch wenn sich Nury Vittachi als indischstämmig bezeichnet, sind wir hier in Fernost, wo Höflichkeit groß geschrieben wird. Müsste jetzt nicht also eine Art Huldigung zurückgegeben werden?
"Sie sind Hongkongs berühmtester Allround-Schreiber: Krimi-Autor, Kolumnist, unter dem Namen Mr. Jam inzwischen auch noch ein Kultblogger für die junge Generation, außerdem..."
"Haben Sie da mal hineingeschaut? Zum besseren Kenntlichmachen trage ich dort auf dem Foto eine knallrote Clownsnase."
"Außerdem sind Sie Mitbegründer diverser Literaturpreise und Festivals..."
"Oh ja! Ich bin der good-father der asiatischen Literatur. Nächstes Jahr wird es dann sogar ein Bali Literatur Festival und ein Sri Lanka Festival geben - zu welchem von beiden möchten Sie kommen?"
Der solcherart regional Vernetzte setzt ein kokettierendes Lächeln auf, während einem selbst nun endlich schwant, wie viel Arbeit, Cleverness, Kreativität und Auferstehungsvermögen wohl vonnöten ist, um als freier Schriftsteller - und dazu als Quasi-Immigrant - hier in vollkommen subventionslosem Umfeld zu bestehen. Chapeau, Mr. Vittachi!
"Wenn Sie das nächste Mal nach Hongkong kommen", sagt er zum Abschied draußen auf der Straße, "können Sie mich auch für eine Tour buchen - selbstverständlich gratis. ,Die verruchtesten Orte der Stadt'..."
"Schon dort gewesen", höre ich mich halbwegs lässig antworten, aber da ist der agile kleine Mann schon im Menschengewühl weggeflutscht.
Nury Vittachi: Shanghai Dinner. Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt. A. d. Engl. v. Ursula Ballin. Unionsverlag, Zürich. 317 S., 18,60 Euro.
Erschienen am 18.06.2007







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