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Knut hat Geburtstag

Keine traumatisierte Kindheit, bitte

Von Paul Ingendaay

Herzlichen Glückwunsch, Knut!Herzlichen Glückwunsch, Knut!

05. Dezember 2007 2007-12-05 14:22:45

Was, zum Beispiel, wenn er wirklich zu uns käme? Wir haben ihn doch schon ziemlich vermenschlicht. Was, wenn die Tatzen und die scharfen Zähne und der Mundgeruch kein Problem wären?

Als erstes würde sich Knut wohl eine Lehrstelle besorgen. Mit mehr als hundert Kilo Körpergewicht noch die Schulbank drücken, das käme für ihn nicht in Frage. Vielleicht würde ihn etwas in der Tiefkühltruhenherstellung reizen. Schon oft haben sich schweigsame Wesen am Arbeitsplatz durch Gewissenhaftigkeit und Kollegialität großen Respekt erworben. So einer wäre Knut. Im Lauf der Zeit sähen die anderen, wie geschickt er mit seinen Krallen umgehen kann, ganz abgesehen von seinen Bärenkräften.

Umschlag aus Kraftpapier aufgeschlitzt

Einmal fällt er dadurch auf, dass er dem Chef, als der sich suchend nach dem Brieföffner umsieht, mit einer lässigen Bewegung den Umschlag aus Kraftpapier aufschlitzt.

„Danke“, sagt der Chef verblüfft und mustert seinen Lehrling zum ersten Mal genauer.

Keine Ursache, denkt Knut. Ein Glück, dass er sich die Nägel nicht so lang heruntergeschnitten hat, wie es ihm die Eisbärenbeauftragte des Betriebs empfohlen hat. So lebt er eine Weile dahin, bis ein unbestimmtes Gefühl in ihm aufsteigt, besonders, wenn er auf langen U-Bahn-Fahrten vor sich hin döst, so ein Sehnen und Kribbeln, von dem er einmal hat reden hören, er weiß nicht mehr, wo.

Sich um ein Mädchen kümmern

Dann hat er es. Eine Frau. Er braucht eine Partnerin, die zu ihm passt. Das Wort „Partnerin“ haben sie damals unverhohlen in seiner Gegenwart ausgesprochen, auch vor der Kamera, sie ahnten wohl nicht, dass er schon früh sein Gedächtnis trainiert hat, um alle wichtigen Daten speichern zu können. Wenn er sich sehr anstrengt, kann er sich schemenhaft an zwei Themen erinnern, die immer wieder erörtert wurden: die Frage, wo er später einmal leben solle, und die Sache mit der „Partnerin“. Vorläufig gefällt Berlin ihm allerdings gut, er hat keinen Grund, die Stadt zu verlassen, und an Hannover zum Beispiel (wieso hat er sich nur diesen Namen gemerkt?) reizt ihn gar nichts. Nur ein Mädchen, darum muss er sich dringend kümmern.

In der Mittagspause spricht Knut einen Kollegen an, den er sehr schätzt, weil er ein wenig nach Fisch riecht.

„Mach einen Tanzkurs, Alter“, sagt der Kollege. „Du tust etwas für deine Figur und lernst jede Menge Weiber kennen.“

„Danke.“ Sie geben sich die Hand wie unter Männern.

Knut ist ein Knüller

Und Knut hat Glück. Der Tanzlehrer entdeckt in ihm eine natürliche Begabung. Nicht für alle Tänze, leider, mit dem Walzer tut er sich schwer. Aber bei anderen Tänzen, wo er sein angeborenes Rhythmusgefühl und den leicht kokett wirkenden Hüftschwung einsetzen kann, ist Knut ein Knüller. Die Mädchen finden es auch. Eine ist dabei, die etwa seine Körpergröße hat, wie sonderbar: Knut ist es nicht gewohnt, Mädchen dieser Größe anzutreffen. Auch ihre Fingernägel sind lang, sogar länger als seine. Und schon beim ersten Hingucken, von weitem, hat er die starke Behaarung an den Armen erkannt. Nicht auszudenken, ihre Beine wären auch so toll! Sein Herz schlägt höher.

„Sag mal . . . Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“

„Auf den Spruch falle ich nicht rein“, sagt sie und lacht. „Besorgst du mir eine Cola?“

„Mit Eis oder ohne?“ Plötzlich glaubt er, von ihrer Antwort hinge sehr viel ab.

„Mit“, sagt sie. Und Knut zieht los. Im Vorbeigehen knufft er einen Kumpel in die Seite, dass der auf der Tanzfläche landet. Er fühlt sich, als tauchte er durch grünes, eisklares Wasser.

Im Abendstudium zum Abitur

Viel später, als sie ein Paar geworden sind - sie heißt Astrid und hat ihn dazu überredet, im Abendstudium das Abitur nachzuholen -, reden sie über ihre Familien und dass es schön wäre, einmal Kinder zu haben.

„Du bist doch im Heim großgeworden“, sagt Astrid. „Wie war das denn so?“

Er kratzt sich lange die Achselhöhle (was Astrid ihm gern abgewöhnen würde) und sagt: „Ganz in Ordnung, glaube ich. Sie nannten es Zoo. Mensch, ich war ja noch klein. Ich hatte einen Pfleger mit Bart. Habe Ölmassagen bekommen. Musste Lebertran schlucken wie alle Kinder. Aber den haben sie ins Futter gemischt. Und dann . . . Dann ging der Rummel mit den Kameras los.“

„Ein Glück, dass ich so was nicht hatte.“

„Das kannst du laut sagen. Wenn ich einen Teil meiner Kindheit streichen dürfte, dann diesen Zirkus.“

Hängematte und Sandkiste

Manchmal, in seinen Träumen, tauchen Bilder aus seinem früheren Leben auf, und es sind schöne Bilder dabei. Etwa von seiner Hängematte und der Sandkiste. Oder einem Handtuch, das ihn richtig abrubbelt. Oder von dem Mann mit dem Bart, dessen Geruch er in seinen Träumen so stark riecht, dass er davon aufwacht. Wie alt war er noch, als er eines Tages so groß war wie der Mann? Als er sich aufrichtete und ihm genau auf Augenhöhe gegenüberstand?

Der Nachwuchs trifft ein, wie Astrid und er es sich erhofft haben, zwei putzige kleine Kerlchen, die ihm sehr ähneln, ihm mehr als ihr, aber das hat die Natur so gemacht, weiß Knut, damit die Väter nicht davonlaufen. Wie lustig sehen die Winzlinge direkt nach der Geburt aus, denkt er, so rosig wie Ferkel! Und er erzählt es Astrid. „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass neugeborene Eisbären etwas von Ferkelchen an sich haben? Sieh dir Sven und Erik an.“

„Das ist doch noch gar nichts im Vergleich zu den Menschen“, sagt Astrid lachend, „die ähneln den Affen!“ Und dann lachen sie beide, bis ihnen die Tränen kommen.

„Ich wüsste doch gern, wer meine Eltern waren“

Es ist ein Glück, die Kleinen aufwachsen zu sehen und so viel Zeit zu Hause zu verbringen, denkt Knut. Woher er dieses Häuslichkeitsgen nur hat? Hin und wieder spürt er, dass seine Knochen schon müder werden. Er ist nicht mehr jung, und der kleine Sven, sein Erstgeborener, wird es schon bald mit ihm aufnehmen können.

„Ich wüsste doch gern, wer meine Eltern waren“, sagt er eines Tages zu Astrid.

„Das weißt du doch“, sagt sie. „Dein Vater war Lars, und deine Mutter war Tosca.“

„Ja, natürlich, aber wie waren sie? Welchen Charakter hatten sie? Das Einzige, was ich gehört habe, ist, dass meine Mutter durch die DDR traumatisiert wurde. Deswegen wollte sie mich nicht. Ein bisschen dünn, diese Erklärung. Mensch, ich weiß ja noch nicht mal, was die DDR war!“

„Sch, sch“, sagt Astrid. „Sieh dir Sven und Erik an.“ Sie zeigt auf die kräftigen Burschen, die am Küchentisch sitzen, die Tatzen auf geöffneten Büchern. „Sie werden ihre eigene Geschichte kennen. Morgen erzähle ich ihnen von den Steiff-Tieren, weißt du? Warum es so viele Eisbären gibt, die so heißen wie ihr Vater.“

„Muss das sein?“

„Ich will nicht, dass sie es auf der Straße erfahren.“

„Du hast recht“, sagt Knut. „Nur keine traumatisierte Kindheit.“

„Ich sage dir, so einen Wahnsinn wie bei dir wird es nicht noch einmal geben.“

„Meinst du?“ sagt er und kratzt sich lange die Achselhöhle. „Meinst du wirklich?“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 16
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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