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Streit um Rendite

Zwei Zoos, ein Eisbär und viel Geld

Weil der berühmte Eisbär Knut dem Berliner Zoo Rekordeinnahmen bringt, will davon auch sein Eigentümer, der Tierpark Neumünster, etwas abhaben. An diesem Dienstag beschäftigt sich das Landgericht Berlin mit der Frage, ob das Fell des Bären verteilt werden muss.

Von Stefan Locke

So wurde Knut zum MedienstarSo wurde Knut zum Medienstar

19. Mai 2009 2009-05-19 10:21:19

Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist. In diesem Fall aber, und das ist entscheidend, gibt es nur etwas zu verteilen, solange der Bär lebt. Keine Sorge, Knut, der weltberühmte Eisbär aus dem Berliner Zoo, ist wohlauf, gesund und munter. Er tollt herum, klettert über Felsen, buddelt im Wasser- graben und zerlegt mit Wonne große Fische. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran etwas ändern könnte. Der Einzige, der sich rasant verändert, ist Knut selbst.

Beeindruckend, wenn der Bär sich aufrichtet, sich auf die Hintertatzen stellt und seine Zähne zeigt. Dann wird auch dem letzten Zuschauer bewusst, dass Knut nicht mehr klein, weiß und wuschelig, sondern groß, grau und wuchtig ist. Er wiegt jetzt 350 Kilogramm, er wird locker noch mal so viel zunehmen, er ist kein Teddy, sondern ein Eisbär, das größte Land-Raubtier der Erde. In Freiheit, in der Arktis, bevorzugt er Robben als Hauptspeise und genehmigt sich ab und zu auch mal ein junges Walross.

"Robben füttern wir natürlich nicht", sagt Claudia Bienek vom Zoo Berlin. Stattdessen erhalte Knut täglich Fisch, Fleisch, Gemüse und Rohkost. Er ist jetzt zweieinhalb Jahre alt, kurz vor der Pubertät und hat deshalb ein Gehege ganz für sich allein. Eisbären sind Einzelgänger, Knut soll keine Unruhe unter die anderen Eisbären bringen. Die sollen sich schließlich ungestört vermehren, da Knut mit zunehmender Größe jenen für die Zoo-Finanzbilanz wichtigen Niedlichkeitsfaktor verliert, der Besucher wie von selbst ihre Portemonnaies zücken lässt.

Der Knut-Kommerz brummt

Und darum geht es. Seit Knuts Geburt hat der Zoo viel Geld eingenommen. Wie viel davon genau auf den Eisbären zurückzuführen ist, ist unklar; knapp fünf Millionen Euro zusätzlich sollen es allein 2007 gewesen sein, rund drei Millionen Euro aus dem Ticketverkauf sowie 1,5 Millionen Euro aus dem Geschäft mit Knut-Lizenzen und Marketingartikeln. Der Knut-Kommerz brummt und ließ auch im vergangenen Jahr nur wenig nach.

Kein Wunder, dass daran auch Knuts Eigentümer beteiligt werden will. Der Eisbär gehört dem Tierpark Neumünster in Schleswig-Holstein, und das ist so ziemlich die einzige Tatsache, die zwischen beiden Zoos unstrittig ist. "Die Berliner haben Lizenzverträge abgeschlossen, über die wir nicht informiert wurden und an denen wir nicht beteiligt sind", sagt Neumünsters Tierpark-Direktor Peter Drüwa. Lange hat er versucht, sich im Guten mit den Kollegen zu einigen, doch das ist gescheitert.

Wie hoch ist die Knut-Rendite?

Jetzt klagt er vor dem Landgericht Berlin, um überhaupt erst mal Auskunft über die Einnahmen aus den Knut-Lizenzen zu erhalten. "17 Wort- und Bildmarken in verschiedenen Kombinationen und Variationen sind in der Klageschrift aufgeführt", sagt Gerichtssprecherin Katrin-Elena Schönberg, darunter "Knut der Eisbär", "Eisbär Baby Knut", "Knut der Bär", "KNUT" und "Respect Habitats. Knut". Sie alle hat sich der Zoo Berlin schützen lassen. Ob es noch mehr sind, sagt dessen Sprecherin Bienek nicht. Am Dienstag um 9.30 Uhr sollen die Richter im Saal 151 des Landgerichts am Tegeler Weg entscheiden, ob der Zoo seine Knut-Rendite offenlegen muss.

Ein bisschen ist das so wie mit der Bankenkrise. Berlin verdient enorm viel Geld mit einem Bären, der ihm nicht gehört. Und Neumünster generiert keinerlei Einnahmen aus seiner eigenen Kapitalanlage, noch dazu der renditestärksten, welche die deutsche Zoolandschaft derzeit zu bieten hat. Berlins Zoodirektor Bernhard Blaskiewitz aber gibt den Ackermann. "Ein paar Pinguine" könne Neumünster bekommen, bollerte er auf der Aktionärs-Hauptversammlung des Zoos, "dann ist die Sache in Ordnung." Eine Art Ab-Frackprämie also, mit der sich Drüwa keinesfalls zufriedengibt.

Es kam zu einem „Einstellungsvertrag“

Der Vertrag zwischen dem Tierpark und dem Zoo existiert seit 1999. In Neumünster langweilte sich damals Eisbär Lars, sieben Jahre alt und geschlechtsreif, neben einer viermal so alten Eisbärin. Mit Nachwuchs, so viel war klar, würde es hier nichts werden. In Berlin aber gab es gleich vier Eisbär-Damen in Lars' Alter. Also schlossen beide Einrichtungen einen "Einstellungsvertrag"; so lautet der in der Zoologie übliche Fachausdruck beim Verleihen von Tieren zur Zucht.

Der Erfolg aber ließ auch in der Hauptstadt lange auf sich warten. Erst 2006 war Eisbärin Tosca endlich schwanger, am 5. Dezember gebar sie zwei Junge, kümmerte sich jedoch nicht um sie. Ein Eisbär-Baby starb, das andere, ein weißes, 810 Gramm leichtes Knäuel, kam in den Brutkasten, wurde Knut genannt und mit der Flasche aufgezogen. Er war der erste Nachkomme von Lars und gehörte somit Neumünster. Denn so steht es im Vertrag: Der erste überlebende Nachwuchs gehört dem Vater-Tierpark, ebenso wie jedes dritte, fünfte, siebte Junge. Die "geraden" Nachkommen wiederum darf der Mutter-Zoo behalten.

„Ich KNUTsch dir“

Doch zu einem zweiten Eisbären ist es bisher nicht gekommen, die Zucht gilt als äußerst schwierig. In Berlin ist Knut das erste Eisbärbaby seit 33 Jahren. Seine Geburt war eine Sensation, die seitdem in einem Atemzug mit Luftbrücke und Mauerfall genannt wird. Nach Knuts erstem Auftritt in der Öffentlichkeit im März vor zwei Jahren überschlug sich die Hauptstadtpresse. "Juha, Knut ist da", "Flauschangriff auf unsere Herzen" und "Ich KNUTsch Dir", lauteten die Schlagzeilen.

Für eine erstaunlich lange Zeit verdrängte "Knuddel-Knut" alles, worin sich der Berliner sonst gern jammernd suhlt. Weder die drohende Stilllegung von Tempelhof noch das Aus für den Bahnhof Zoo, ja noch nicht mal Thilo Sarrazin vermochten den Hauptstädtern die jute Laune zu verderben. Sie nahmen sogar hin, dass sich zu Knuts Premiere Bundesumweltminister Sigmar Gabriel mit ins Gehege quetschte und den Eisbären flugs zu seinem Patenkind ernannte. Das war Pech für Klaus Wowereit, der aber dafür plädiert, dass Knut Berliner bleibt.

Der Marken- und Imagewert des kleinen Eisbären sauste in die Höhe, er wurde Klimabotschafter, Symboltier der UN-Naturschutzkonferenz und beliebtestes Briefmarkenmotiv. T-Shirts und Bettwäsche wurden mit Knut bedruckt, Plüsch- und Porzellantiere genäht und getöpfert, Knut-Bücher ("Knut - Aus der Kinderstube eines Eisbären") und -Alben ("Alle lieben Knut") verfasst, der Klingelton "Knut ist gut" wurde zum Herunterladen angeboten und das Computerspiel "Eisbärenbaby Superstar" programmiert, ja selbst Knut-Silberschmuck aufgelegt.

800.000 Zoobesucher mehr als im Vorjahr

Die Musikindustrie war mit einer Kinder-CD ("Der kleine Eisbär") dabei, wenn auch mit fragwürdigen Reimen: "Kleiner Knuddelbär, du wirst immer putziger." Frank Zander schließlich coverte sich selbst, Textprobe: "Er kennt nicht seine Mama, er kennt nicht den Papa, aber dafür kennt er Thomas, der ist immer für ihn da - hier kommt Knut." Knuts damaliger Pfleger, der im September verstorbene Thomas Dörflein, avancierte zum Co-Star, erhielt Liebesbriefe und Heiratsanträge. Am Jahresende verzeichnete der Zoo 800.000 Besucher mehr als im Jahr zuvor, insgesamt 3,2 Millionen.

Das sind drei Millionen Gäste mehr, als jedes Jahr in den Tierpark nach Neumünster kommen. Der Berliner Rummel blieb dort nicht verborgen. Die Eigentümer des Tierparks machten Druck, rund 2000 Mitglieder hat der Trägerverein. "Ihnen sind wir jedes Jahr Rechenschaft schuldig", sagt Drüwa. Rund eine Million Euro beträgt sein Haushalt, Berlin erhält allein das Doppelte an Zuschüssen. Drüwa ist auf Spenden und ehrenamtliche Arbeit angewiesen, Subventionen gibt es keine: "Da würden wir uns natürlich über einen Anteil aus Berlin freuen."

Ihm gehe es aber auch um Knuts künftige Bleibe. "Darüber entscheiden wir als Eigentümer." Berlin will Knut gern behalten. Drüwa hat nichts dagegen, spricht aber auch von Angeboten anderer Zoos und davon, dass man jetzt erst mal die Verhandlung am Dienstag abwarten müsse. In Neumünster sei jedenfalls kein Platz für ihn. Hier versucht sich gerade ein neues Eisbärenpaar an einem eigenen Knut.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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