DRUCKEN
WEITEREMPFEHLEN
AKTUALISIERT
10:34
Das letzte Gespräch mit Thomas hatte ich eine Woche vor seinem Tod. Auf der Betriebsfeier sprach er mich an. Ich hatte sie organisiert.
Du, sagte er zu mir, ist ja alles super hier. Aber von den leckeren Fleischspießen habe ich keinen mehr abbekommen. Die waren schon alle weg.
Diese kleine Episode ist mir wichtig, weil sie den Thomas als einen Menschen zeigt, der sich irgendwie gewandelt hatte. Die Zeit der Wortlosigkeit oder der knappen Sätze war endgültig vorbei.
Mit der Geburt von Knut, mit der Verantwortung, die er für seinen Zögling übernahm, hatte er sich nach und nach den Menschen in seiner Umgebung geöffnet.
Die Kollegen hatten Thomas in der Zeit davor eher als Eigenbrötler erlebt. Aber natürlich auch als einen Mann, der sich mit Leib und Seele seinen Tieren widmet.
Wobei man sagen muss - Bärenpfleger sind eine ganz besondere Spezies Mensch. Sie sind meistenteils Individualisten. In gewissem Sinne ähneln sie charakterlich den Tieren, um die sie sich kümmern.
Ja, bei Thomas waren es die Wölfe und dann eben Knut. Ich denke beide Tierarten haben sich in ihm ein wenig widergespiegelt - das Zögerliche der Wölfe und auch das Bärige.
Thomas war einfach. Er war gerade und konsequent. Das kann man so sagen.
Mit "gerade" meine ich seine Sicht aufs Leben, seine Einstellung, lieber nichts zu sagen, als irgendeinen Unsinn zu quatschen.
Dann ist er bei allem Medienrummel um Knut einfach geblieben.
Thomas Super-Star - das hat er immer von sich gewiesen, mit einem nachdenklichen Lächeln quittiert. Hat sich umgedreht und ist mit langen Schritten im Innengehege verschwunden. Dort wartete Knut auf ihn, sein Zögling.
Ja, und Konsequenz, die hat Thomas doch in der gesamten Zeit, in der er sich um Knut gekümmert hat, bewiesen. Er ist mit seinem Schlafsack ins Innengehege gezogen, hat sich die Nächte um die Ohren geschlagen, hat sogar den Heiligen Abend im Innengehege verbracht. Knut war ihm wichtig. Er wollte, dass der kleine Eisbär überlebt. Dafür hat er alles gegeben.
Wäre Thomas noch da und könnte das jetzt lesen, würde er sagen, dass diese Arbeit auch jeder andere Pfleger eben so erledigt hätte. Da bin ich mir absolut sicher.
Dennoch, die Bindung zwischen Knut und Thomas war intensiv. Manchmal habe ich mich auch gefragt, wer wen mehr braucht. Der Knut den Thomas oder umgekehrt? Ich hatte zeitweise den Eindruck, Thomas könne nicht loslassen. Auch als Knut größer und gefährlicher wurde, hatten sie wohl noch Kontakt.
Aber dieser Eindruck war falsch. Thomas wusste genau, dass er als Mensch früher oder später in den Hintergrund treten müsste, und natürlich hat er sich Gedanken um Knuts Zukunft gemacht, wollte, dass er mit einem Eisbären-Weibchen eine Familie gründet.
Das zeigt, dass Thomas ein sehr verantwortungsvoller Tierpfleger war.
Diese Verantwortung hat jetzt sein langjähriger Kollege Ronny Henkel als Chef-Pfleger übernommen. Ich denke, Thomas wäre mit diesem Nachfolger sehr zufrieden.
Die wichtigsten Stationen aus dem Leben des Thomas Dörflein
Er war ein Kerl von einem Mann. 1963 in Wedding geboren, kam Thomas Dörflein 1982 als Pfleger zum Zoo. Zunächst für Menschenaffen und Raubtiere zuständig, hatte er nach 1987 die Aufsicht über Bären und Wölfe. Als am 5. 12. 2006 zwei Eisbärbabys von ihrer Mutter verstoßen wurden, zog Dörflein das überlebende Baby in Handaufzucht auf. Für Knuts Rettung bekam Dörflein am 1. 10. 2007 den Berliner Verdienstorden. Am 22. September 2008 starb Dörflein an einem Herzinfarkt, verursacht durch eine Thrombose.