Sie hat lange gezögert, den Zoo zu besuchen. Den Ort, an dem ihr Sohn Thomas seinen Eisbären Knut so liebevoll aufzog. Den Ort, an dem er tapfer gegen den Krebs kämpfte.
Erika Dörflein (71) spürte die Angst, vor dem Gehege zu stehen – die Angst vor den vielen Erinnerungen, die sie vielleicht in ein tiefes, schwarzes Loch ziehen würden.
Doch die Bindung zu Knut und dem Zoo waren stärker als die Trauer. Also machte sie sich auf den schweren Weg, das erste Mal seit dem 22. September. Dem Tag, als ihr Sohn Tomi mit 44 Jahren an Herzinfarkt starb. B.Z.-Reporter Uwe Steinschek begleitete sie.
Wir stehen vor dem Eisbärengehege. Erika Dörflein sieht Knut nach 55 Tagen wieder. Sie weint und spricht dabei von ihrem Thomas. „Er war ein starker Mensch. Er konnte kämpfen, für sich und auch für andere“, sagt Erika Dörflein und schluchzt ein wenig.
Sie meint den Kampf ihres Sohnes gegen den Blasenkrebs. „Wir saßen uns damals, nach der Diagnose gegenüber. Ich fragte ihn, ob der Tumor bösartig sei. Er antwortete nur kurz – ja, Mami.“
Die qualvolle Zeit der Chemotherapie. Thomas Dörflein musste einmal wöchentlich zur Behandlung. „Er ging immer nach Feierabend hin. Sein Leiden wurde mit TBC-Serum behandelt, dass ihm der Arzt in die Blase spritzte um dem Tumor auszutrocknen. Schmerzhaft“, sagt Erika Dörflein.
Sie hat ihren Sohn immer dafür bewundert, dass er sich trotz der schweren Krankheit so intensiv um seinen Zögling Knut kümmerte. „Der ist mit ihm rumgetollt, ist zu ihm ins kalte Wasser in den Gehegegraben gesprungen. Ohne Rücksicht auf sein Leiden.“ Thomas Dörflein konnte nicht nur für sich, sondern auch für andere kämpfen.
„Da war der kleine Junge, der an Tomi geschrieben hatte. Er litt an einem Hirntumor. Tomi beantwortete den Brief, legte Haare von Knut dazu. Er schrieb – die musst du immer bei dir behalten. Sie machen dich so stark wie Knut.“
Erika Dörflein schaut wieder ins Gehege. Der Bär sieht etwas schmutzig aus. Er hat sich im Sand gesuhlt. „Oller Dreckspatz, gibt's denn keinen, der dich wäscht“ murmelt sie liebevoll in seine Richtung.
Das ist nicht böse gemeint. Sie weiß, dass Tomis Bärenkind weiter in guten Händen ist.
„Ach, heute füttert ihn die Sylvi. Die macht das gut“, freut sich Erika Dörflein und begrüßt die Pflegerin in der hellblauen Jeansjacke mit Handschlag. Dann sogar ein Lachen, denn Knut ist platschend in den Graben gesprungen, um einen Fisch zu erhaschen.
Erika Dörflein wird wieder ernst: „Ich gehe heute noch zu Tomi auf den Friedhof, erzähle ihm, dass es seinem Knut gut geht.“ In den Zoo will die Rentnerin jetzt wieder öfter gehen.