Berlin

4. Geburtstag

Kaltes Büfett

Ausgiebig beschnüffelte Knut, was ihm die Pfleger hingestellt hatten. Dann entschied er sich für das Brot samt Schriftzug Knut. Der war aus Marzipan. Foto: dapd
Ausgiebig beschnüffelte Knut, was ihm die Pfleger hingestellt hatten. Dann entschied er sich für das Brot samt Schriftzug Knut. Der war aus Marzipan.

von Claudia Fuchs

Berlin - Nein, eingeladen hatte er niemanden. Nein, gewünscht hatte er sich auch nichts. Und nein, ansehen konnte man ihm nicht, ob er sich über die vielen Menschen freute, die sich am Sonntagvormittag vor seinem Gehege aufgebaut hatten.

Eisbär Knut, fast 300 Kilogramm schwer und längst nicht mehr niedlich, feierte seinen vierten Geburtstag genau so, wie das Tiere nun mal tun: mit Appetit, mit Ignoranz dem Moment gegenüber und ohne das Bewusstsein, dass er Gäste hat.

Knut hatte weder Augen für die Besucher und ihr Gewinke, noch registrierte er die mehrfach gesungenen Happy-Birthday-Ständchen der etwa 250 Gäste – und er wollte auch nichts abgeben von der obligatorischen Eisbombe aus Fisch, Obst und Gemüse, die Pfleger in seinem Gehege aufgebaut hatten. Selbst die leckeren Möhren behielt der Eisbär ganz für sich allein.

Die vielen, vielen Damen (und ein paar Herren), die sich rechtzeitig vor Eröffnung des Bärenbüfetts einen guten Platz vor dem Gehege gesichert hatten, fanden solch Verhalten wenig anstößig. Sie waren zwar wegen Knut gekommen, aber längst auch wegen der anderen Besucher.

Jenen Menschen, die vor drei Jahren noch Fremde waren, mit denen sie gut plaudern konnten über Knut und die Welt, die später zu Bekannten wurden – und inzwischen Freunde sind. „Die Zahl der Knut-Fans wird wieder größer“, sagt der Zoologe Heiner Klös, der im Zoo für die Bären zuständig ist. Knut sei so etwas wie ein Kristallisationspunkt – „da bilden sich regelrechte Grüppchen, die sich auch untereinander beschenken.“

Jede Woche zu Besuch

Auch Heiner Klös steht in der eisigen Kälte vor Knuts Gehege, er hat zwar einen freien Tag, aber dieser Feier fernzubleiben, das gehe doch nicht. Klös kennt viele der Knut-Freunde – und sie ihn. „Wo ist denn der Jutesack, Herr Klös?“, fragt ihn eine ältere Frau ganz in Schwarz vorwurfsvoll. Sie habe den Sack extra für Knut genäht, „aus verträglichem Material“. Nun aber sei der Jutesack dem Bären nicht ins Gehege gelegt worden. Die Frau ist verärgert. „Das finde ich eine Frechheit“, sagt sie leise.

Sprachlich stammt die Dame aus München – zoologisch gesehen ist sie längst in Berlin beheimatet. „Als Knut zwei Jahre alt war, bin ich zum ersten Mal in den Zoo gegangen“, sagt sie. „Und da bin ich irgendwie hängen geblieben. Jetzt bin ich ein Mal pro Woche hier.“ Mit drei anderen Frauen ist sie auf die Sitzfläche einer Bank gestiegen, so haben sie bessere Sicht auf den Eisbären. Eine hat eine Spiegelreflexkamera mit einem langen Objektiv dabei, eine andere einen langen Schal, an dessen Enden acht kleine Bärengesichter baumeln.

„Knut ist mehr als nur ein Tier“, sinniert die Bayerin, während sich der Bär über ein paar Weintrauben hermacht. „Das ist schon toll, was so ein Tier bewerkstelligen kann. Ich habe hier so viele Leute kennengelernt.“ Sie sorge sich um Knuts Wohlergehen. Dass er jetzt zum Beispiel mit drei älteren Damen zusammen leben müsse… „Das ist, als würde ich mit einem 13-Jährigen zusammen sein. Das geht doch nicht. Knut braucht eine Gleichaltrige.“

Knut und die richtige Partnerin – das beschäftigt viele seiner Besucherinnen – nach so einem Start ins Leben soll er wenigstens jetzt glücklich werden. „Wo ist eine Frau für mich?“, hat eine Frau auf ein Schild geschrieben, das sie immer wieder hochhält. „Ich bin der größte Knut-Fan“, sagt sie.

„Knut ist das Einzige, das mir geblieben ist.“ Ihr Mann sei vor Kurzem an Krebs gestorben, nun sorgt sie sich um den Bären. „Das ist wie mit eigenen Kindern, da guckt man doch auch, wie es denen geht, selbst wenn sie schon groß sind.“ Auch sie hat ein Geschenk mitgebracht, eine Plastik-Rose, „das mache ich jedes Jahr zum Geburtstag.“

Ein "Ohhh" aus der Menge unterbricht sie. Knut hat sich auf die Hinterbeine gesetzt und zeigt den Geburtstagsgästen seinen Bauch. Beifall brandet auf. „Schade, dass das Thomas Dörflein nicht mehr erleben kann“, sagt jemand leise.

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Ein Eisbärenleben

Die Geburt: Am 5. Dezember 2006 bringt Eisbärin Tosca im Zoo Zwillinge zur Welt, nimmt sie aber nicht an. Ein Jungtier stirbt, das andere kommt in menschliche Obhut. Das Bärchen, nackt, blind und 800 Gramm schwer, bekommt den Namen Knut.

Der erste Auftritt: Am 23. März 2007 wird der kleine Eisbär den verzückten Zoobesuchern präsentiert. In den folgenden Monaten entwickelt sich eine regelrechte Knut-Manie: Fanclubs entstehen, Fanartikel boomen, der Zoo stellt Besucherrekorde auf.

Allein leben: Ab Juni 2007 lebt der Eisbär nicht mehr in menschlicher Obhut. Im Herbst 2008 stirbt Knuts Ziehvater, Tierpfleger Thomas Dörflein, überraschend mit 44 Jahren.

Die erste Freundin: Im Herbst 2009 bekommt Knut Gesellschaft. Eisbärin Giovanna, eigentlich zu Hause im Tierpark Hellabrunn in München, zieht für die Dauer der Sanierung ihres Geheges zu Knut. Beide kommen gut miteinander aus. Im August 2010 kehrt die Bärin nach München zurück.

Die neue Anlage: Wenig später zieht Knut in ein neues Gehege. Er lebt nun mit drei Eisbärinnen zusammen, darunter auch Mutter Tosca. Knut soll im Zoo für weiteren Nachwuchs sorgen.

Berliner Zeitung, 06.12.2010