Berlin

Zoologischer Garten

Vom Medienstar zum Mobbingopfer

Schwere Zeiten für Knut: Zusammen gekauert lässt er die Gemeinheiten der Eisbärdamen über sich ergehen. Foto: dpa
Schwere Zeiten für Knut: Zusammen gekauert lässt er die Gemeinheiten der Eisbärdamen über sich ergehen.

von Julia Heinze und Timo Kather

Drei gegen einen - das war schon in der Grundschule auf dem Pausenhof ziemlich unfair, und das ist auch im Eisbärengehege des Zoologischen Gartens nicht anders. Seit nunmehr sechs Wochen teilt sich Knut, der wohl bekannteste Eisbär der Welt, ein Gehege mit den drei Eisbärdamen Katjuscha, Nancy und seiner Mutter Tosca - und muss bisweilen tüchtig einstecken.

Im Internet tauchte vor einigen Tagen ein Video auf, in dem der mittlerweile knapp vierjährige Knut erst von der 24-jährigen Katjuscha von seinem sonnenbeschienenen Felsen vertrieben und danach unsanft in das Wasserbecken gestoßen wird. Kaum klettert der triefnasse Knut zurück auf die Felsen, sind Nancy und Tosca zur Stelle und jagen den armen Bären zähnefletschend davon. Wird Knut, der nach seiner Geburt eine weltweite "Knutmania" auslöste und dem Zoologischen Garten Rekordbesucherzahlen bescherte, von den Eisbärdamen gemeinschaftlich gemobbt?

"Schlichtweg Quatsch" sei diese Unterstellung, meint Heiner Klös, der sich als Kurator des Zoos um die Belange von Knut kümmert. "Das Video im Internet zeigt lediglich eine Momentaufnahme." Im Normalfall kämen die vier Eisbären prima miteinander aus - und dass derart große Raubtiere auch mal die Krallen spielen lassen würden, sei ganz normal. In der Tat scheinen sich die Bären versöhnt zu haben: Nancy und Tosca lagen gestern Seite an Seite auf dem Fels und genossen das - zumindest für Eisbären - wunderbare graue Nieselwetter, während sich Katjuscha am Eingang zu ihrer Höhle träge den Rücken kratzte. Knut hielt sich etwas abseits im Wasserbecken auf. Obwohl der Eisbär mittlerweile knapp 270 Kilo auf die Waage bringt, wahrte er einen gehörigen Respektabstand vor den wesentlich älteren und schwereren Damen. Knut paddelte lieber zu der Plexiglasscheibe, die das Gehege von den Besuchern trennt, und posierte für ein paar Erinnerungsfotos. Die Kinder, einige mit Plüsch-Eisbären unter dem Arm, quiekten vor Begeisterung - die Eltern, die 35 Euro für ein Familienticket hingelegt hatten, lächelten zufrieden. Knut, der Medienveteran, scheint ganz genau zu wissen, was seine Fans von ihm erwarten.

Eisbären sind, wie alle Bären, von Natur aus Einzelgänger. Männchen und Weibchen treffen sich nur zur Paarung, gehen danach wieder getrennte Wege. "Nur Jungtiere begleiten ihre Mütter über einen längeren Zeitraum", sagt Katarina Jewgenow, Professorin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. In der Arktis, ihrem natürlichen Lebensraum, jagen die Eisbären in einem Radius von bis zu 150 Kilometern. "Sie sind sehr revierorientiert, bei Überschneidungen kommt es häufig zu Auseinandersetzungen", weiß Jewgenow. Allerdings hätten diese meist Ritualcharakter, bei denen der Schwächere schnell nachgebe. Nur in seltenen Fällen fließe Eisbärenblut.

Auch Knut hat die Konfrontationen mit seinen Artgenossinnen bislang unbeschadet überstanden. "Er muss jetzt einfach lernen, sich gegen die anderen durchzusetzen", sagt Heiner Klös, der Zoo-Kurator. Ein dickes Fell hat der Eisbär ja schon.

Berliner Zeitung, 20.10.2010