Vor dem Essen kommt das Spiel. Knut tobt im Wassergraben der alten Brillenbären-Anlage im Zoo, die seit mehr als drei Jahren das Zuhause von Berlins berühmtesten Eisbären ist. Die Münchner Eisbärin Giovanna (3), auch Gianna genannt, seit vergangenem Jahr seine Spielgefährtin, hält ein Nickerchen auf einem Felsen. Mist. Knut beißt in den bunten Fußball, der schon längst ein großes Loch hat, in das Wasser hineinläuft. Keiner da, der mittun will? Knut schwenkt das Spielzeug hin und her - und schleudert es kraftvoll in die Höhe. Der wassertriefende Ball landet mitten in der Menschenmenge, die sich vor dem Gehege versammelt hat. "Ohh" schallt es aus vielen Dutzend Kehlen. Knut taucht sicherheitshalber erst einmal unter. Dann wirft ihm ein Mann den Ball wieder zu. Der Eisbär schleudert ihn prompt erneut hinaus. Er hat die Zoobesucher in das Spiel einbezogen. Jetzt läuft die Knut-Show. Die Leute lachen, fotografieren - und springen auch mal kurz über das Absperrgitter, wenn der Ball im Abseits landet. Eigentlich ist das verboten, weil es gefährlich ist. Denn nur noch eine Scheibe aus Sicherheitsglas trennt sie dann noch von dem Bären.
"Wundervoll, ein tolles Tier", sagtEvelin Germann. Die 24-Jährige aus St. Gallen in der Schweiz hatte gemeinsam mit ihrer Freundin einen Kurztrip nach Berlin unternommen. Jetzt haben die jungen Frauen vier Stunden Zeit bis zur Abfahrt ihres Zuges. Das reicht noch für eine Visite bei Knut: "Der war doch auch in der Schweiz ein großes Thema", sagt Evelin Germann.
Knut, den Mutter Tosca nicht annahm, Vater Lars eisbärtypisch sowieso nicht, der von Menschen per Hand aufgezogen wurde und in jungem Alter auch noch seinen Pfleger Thomas Dörflein durch dessen plötzlichen Tod verlor, rührte die Welt. Der Eisbär, Symbol für den Klimawandel, hatte plötzlich ein niedliches Antlitz. Das Interesse war weltweit, es gab internationale Blogs und Besucher aus allen Teilen der Erde strömten in den Berliner Zoo, um Knut zu sehen.
Das Interesse ist ungebrochen, obwohl der Winzling von einst nun größer ist als zwei Meter, wenn er sich aufrichtet. "Knut ist etwas ganz Besonderes", sagt Doris Webb. Die Zehlendorferin hatte mit Gleichgesinnten im Web die Aktion "Knut forever" gestartet, Unterschriften gesammelt - und erreicht, dass der Eisbär der Herzen in Berlin bleiben konnte. Der Zoo kaufte ihn für 430.000 Euro vom Tierpark Neumünster. Denn dem gehörte Vater Lars und dessen erster Sohn Knut.
Die 67-Jährige kommt gemeinsam mit ihrem Mann fast jeden Tag ans Eisbärengehege. Webb, früher Sekretärin an der Charité, schwärmt von dem "Traumpaar" Knut und Giovanna: "Er ist der Liebe, Besonnene, sie die Temperamentvolle." Schade sei es, dass die Tiere getrennt werden sollten, bedauert sie seufzend. Denn Giovanna ist nur Berlinerin auf Zeit. Sobald die neue Eisbärenanlage im Münchener Tierpark Hellabrunn fertig ist, wird sie dorthin umziehen und einen neuen Lebensgefährten bekommen: Yoghi (11). "Das ist sehr, sehr traurig für Knut", sagt Doris Webb.
Die Trennung steht kurz bevor. Wann genau Giovanna die Heimreise nach München antritt, will Bären-Kurator Heiner Klös aber noch nicht sagen. Bei der Eröffnung der Anlage dort "wird sie jedenfalls da bei sein". Diese wird am 7. August stattfinden, mit einer Willkommens-Party unter dem Motto "Servus Dahoam". Denn auch Yoghi war während der Umbauarbeiten in Berlin - im Tierpark.
Knut soll künftig der neue Stammvater von kleinen Eisbären im Berliner Zoo werden. Sein Vater Lars musste deshalb schon nach Wuppertal wechseln, Mutter Tosca, die jetzt auf der großen Eisbärenanlage mit Nancy und Katjuscha lebt, soll in den Tierpark. Ob das wirklich so geschehen wird, ist noch unklar: "Das ist eine der Möglichkeiten", sagt Klös vorsichtig. Denn viele Knut-Liebhaber wollen eine junge Frau für ihn. "Es gibt keinen Grund zur Eile", sagt der Bären-Kurator. Knut sei noch nicht geschlechtsreif. "Man wird sehen."