Berlin

Geschachere um Knut

Knut lassen die Gerichtsverhandlungen offensichtlich kalt. Foto: dpa
Knut lassen die Gerichtsverhandlungen offensichtlich kalt.

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Der Zoo und der Tierpark Neumünster streiten vor Gericht um den Eisbären

Claudia Fuchs

Berlin - Nach einer Stunde Verhandlung im Landgericht kann der übergewichtige Zoodirektor nicht mehr stehen. Bernhard Blaszkiewitz, der ausnahmsweise ein weißes Hemd, Anzug und weiße Socken trägt, lehnt sich gegen die Wand von Saal 100 und lässt seinen Blick über die vollen Zuschauerreihen schweifen. Der Zoochef, der berüchtigt ist für seine direkte Wortwahl, überlässt das Reden anderen: der kaufmännischen Direktorin des Zoos, Gabriele Thöne, und dem Anwalt Joachim Gabler. Der Gegenstand, um den es geht, liegt etwa drei Kilometer Luftlinie entfernt in seinem Gehege im Zoo und liebkost wie üblich einen Jutesack: Eisbär Knut.

Kaufpreis: 750 000 Euro


Der Bär, der einst so klein war, hat dem Zoo 2007 und 2008 einen enormen Besucheransturm eingebracht und so einige Millionen Euro zusätzlich – und darum geht es: Der kleine Tierpark im schleswig-holsteinischen Neumünster will ein Stück vom großen Knut-Gewinn abhaben, schließlich gehört ihm Knuts Vater Lars. Der wurde 1999 an den Zoo ausgeliehen und es wurde vereinbart, dass das erstgeborene Jungtier Neumünster gehört. Weil dort aber niemand weiß, wie hoch die Mehreinnahmen durch Knut waren und der Berliner Zoo Angaben dazu verweigert, will Neumünster die Auskunft jetzt per Gerichtsentscheid erzwingen.

Die Sache klingt simpel, ist aber so kompliziert, dass die Verhandlung zweieinhalb Stunden lang dauert und mehrfach unterbrochen wird für Beratungen – und zum Lüften. Für die Streitenden, die vor Richter Philip Hegermann an Pulten stehen, ist allein das Stehen eine Strapaze.
Wieder und wieder versucht der Richter, die Streitenden zu einer außergerichtlichen Einigung zu bewegen. Zu Beginn schlägt er vor, an Ort und Stelle auch gleich über die Zukunft von Knut zu entscheiden, und greift deshalb den letzten Vorschlag auf: Der Zoo soll Knut kaufen. Was dann folgt, klingt ein wenig wie die Ablöseverhandlung um einen Fußballprofi: Die letzte Forderung Neumünsters liegt bei 750 000, der Zoo will 350 000 Euro zahlen – und Eisbär-Vater Lars gleich mit kaufen. Hegermann vermittelt: „Wenn Berlin so einen Bären hat, kann es sich den auch einiges kosten lassen.“ 700 000 Euro schlägt er vor, „und dann hat die Seele Ruh’“. Nein, erwidert Zoo-Anwalt Gabler, 350 000 Euro seien mit der Senatsfinanzverwaltung abgesprochen, selbst das sei eigentlich zu viel. „Wir sind nicht der Bittsteller eines Finanzsenators, der gar nicht da ist“, kontert daraufhin der Anwalt aus Neumünster.

„Unmittelbare Sachfrucht“


„Die Fronten sind starr“, konstatiert Richter Hegermann und versucht es nun mit einer Ansprache an die Neumünsteraner: Er habe Zweifel, ob dem Tierpark tatsächlich ein Anteil am Gewinn zusteht. Allerdings, räumt er ein, „der Fall ist einmalig und ich bin nur die erste Instanz“. Dann spricht er über die Komplexität der Sache, über Besitzer, Eigentümer und Lizenzrechte, über Rechtsfrüchte, Eier, Milch und Gebrauchsfrüchte. Der Richter, der mittlerweile ins Schwitzen geraten ist, sagt schließlich: „Knut ist unmittelbare Sachfrucht von Tosca.“ Den Tierpark Neumünster überzeugt all das nicht. „Wir hätten ja Knut gleich aus Berlin abziehen können“, sagt Anwalt Arne Graßmay – und nun ist der Frieden endgültig dahin: Die Gegenseite ist empört. „Sie hätten die Möglichkeit, als große Gewinner hier rauszugehen“, appelliert der Richter noch mal an die Anwesenden. Nach einer Auszeit, Beratung, Lüften und einer weiteren Auszeit liegt die Forderung aus Neumünster für Knut bei 500 000 Euro. Der Zoo lehnt ab. „Ich finde es absurd, was wir hier machen“, sagt Direktorin Thöne.

Am Ende bleibt das das letzte Wort: Bis zum 13. August wollen die Beteiligten nun nach einer außergerichtlichen Einigung suchen. Gibt es die nicht, wird das Gericht am 1. September ein Urteil sprechen.

Berliner Zeitung, 20.5.2009