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06. November 2009
MENSCHEN VON HIER: Eisbären klauen Gummibären
In Grönlands Tundra sorgt der Klimawandel dafür, dass sich das Verhalten der Tiere ändert / Langzeitforschung der Uni Freiburg
FREIBURG. Seit seiner jüngsten Arktis-Expedition in diesem Sommer hat Polarforscher Benoît Sittler (59) ein Brummen im Ohr, und das hat mit Bären zu tun – mit Eisbären, um genau zu sein. Denn Begegnungen mit den vom Aussterben bedrohten Tieren gehören zur Forschungsarbeit im Langzeitprojekt "Karupelv Valley Project" der Uni Freiburg. Doch so bedrohlich wie dieses Jahr waren sie noch nie.
So wurden Sittler und sein Team einmal durch ungewöhnliche Geräusche in der Nähe seines Zeltes aus dem Schlaf geweckt. Ein Eisbär kramte in den Kisten mit den Vorräten, und im Nu waren Ei-und Milchpulver, Schokoriegel und Gummibärchen gefressen – samt Verpackung, wie die Feldforscher aus Freiburg später an Exkrementen feststellen. Seit 20 Jahren betreiben sie schon Arktiserforschung in der Tundra Nordgrönlands, doch so nah wie dieses Mal kamen die Eisbären nie. "In den ersten Jahren haben wir keinen einzigen gesehen", sagt Sittler. Nun fielen der bislang schwersten Attacke gleich drei Zelte samt Schlafsäcken zum Opfer, und das Team war gezwungen, in eine Hütte umzuziehen.Werbung
Der Klimawandel ist auch für das Verhalten der weißen Riesen verantwortlich. Daran besteht für die Spezialisten kein Zweifel. "Eisbären ernähren sich im wesentlichen von Robben, die sie von Eisschollen aus im Meer fangen. Früher begann die kurze Treibeisschmelze Ende August, diesmal war es schon Mitte Juli soweit." Im Klartext heißt das: Ohne Eisschollen kein Robbenfang und stattdessen Landgang zur Futtersuche. Sittler: "Die Tiere haben einen ausgezeichneten Geruchssinn, mit dem sie das Lager kilometerweit wittern."
Doch nicht nur die Bären bringt das laue Klima aus dem Takt. Auch mächtige Moschusochsen halten es nicht aus. Acht Kadaver und kein einziges Kalb sichteten Sittler und sein vier- bis siebenköpfiges Team während ihres diesjährigen Einsatzes. Moschusochsen brauchen Kälte und Pulverschnee, unter dem sie durch leichtes Scharren Gras und Zwergweiden zum Fressen finden. Bei Wärmeeinbrüchen wird der Schnee matschig und schwer, bevor er wieder zufriert. Dann bildet sich eine feste Eiskruste, die die Moschusochsen kaum durchbrechen können – sie verhungern und sterben an Erschöpfung.
Tückisch sind die veränderten Schneeverhältnisse in der Arktis schließlich für die Lemminge, denen mit der Schneedecke der Lebensraum abhanden kommt. Ohne die schützende Schicht werden sie zur schnellen Beute für Polarfüchse, Raubmöwen und Schneeeulen. Als absolutes "Lemmingtief" erlebten die Wissenschaftler den zurückliegenden Polarsommer. "Wir hatten keinen einzigen Fang bei 400 ausgebrachten Fallen und fanden auch nur 24 Winternester gegen bis zu 4000 in Peak-Jahren."
Die Arktis ist laut Sittler "die Alarmanlage für den Klimawandel". Während man in unseren Breiten von einer mittleren Erwärmung von einem bis drei Grad in den nächsten 100 Jahren ausgeht, werden die Temperaturen in der Arktis um zwei bis sechs Grad ansteigen. "Viele erste Anzeichen, wie zum Beispiel die Packeisbedeckung im Eismeer, bestätigen, wie schnell dieser Prozess voranschreitet."
Um die aus den Fugen geratene Populationsdynamik der arktischen Haupttierarten gezielt nachvollziehbar zu machen, sammelt das Forscherteam detaillierte Klimadaten über eine neue automatische Wetterstation, die ganzjährig im Einsatz ist. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst werden seit 1991 und auch Aerosol- oder Staubproben gesammelt und auf Klimawandel untersucht.
Dass der früher durch Dauerfrost gehärtete Boden aufweicht, zeigte sich den Langzeitbeobachtern durch Erdrutsche an Hängen und Hügeln. Auch an Pflanzen lassen sich klimabedingte Veränderungen nachweisen. Am Institut für Waldwachstum der Universität Freiburg versucht der Forst- und Umweltwissenschaftler Bernhard Frauenburger über Langzeituntersuchungen an den Jahresringen von arktischen Zwergweiden klimarelevante Daten zu erheben und auszuwerten. Dass der tierische Teufelskreis in der Alarmanlage Arktis zu weltweitem Umdenken in Sachen Ab- und Treibgase führen könnte, bezweifelt Sittler jedoch: "Ich bin da eher pessimistisch."
Zu den Spendern, die das aus öffentlichen Mitteln eher spärlich bedachte Karupelv Valley Project mitfinanzieren, zählen übrigens auch Briefmarkensammler. Die Idee eines Philatelisten bewährt sich seit Jahren: Gegen acht Euro erhalten Sammler unfrankierte Postkarten oder Briefumschläge, die vom Arktis-Team auf die nächste Expedition mitgenommen werden. Mit lokaler Frankatur und eindrucksvollen Projektstempeln kommen die Karten dann später aus Grönland zurück. Und mit fast 1500 Briefen konnte dies Mal fast die Hälfte des Budgets abgedeckt werden, berichtet Benoît Sittler.
Autor: Ulla Bettge
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