
- Zoo Berlin - Adele Sansone
Im Zuge des Gespräches über die Zukunft der Eisbärgruppen mit Direktor Blaszkiewitz im Mai 2010 ergaben sich einige Themen wie von selbst. Sprich mit einem Leiter, seit Beginn 2007 von gleich zwei Zoos, so taucht ganz selbstverständlich die Frage nach der Bedeutung eines Zoos auf.
Was ist ein Zoo überhaupt? Wozu dient er?
Nur der Zucht und Arterhaltung innerhalb des Gefüges „Zoo“? „Die Zucht wird ein wichtiger Bereich unserer Arbeit bleiben“, lautete schon seine Ansage bei Beginn der zusätzlichen Übernahme des Zoos Berlin. Dient er der Wiederansiedelung, Auswilderung? Natürlich.
In manchen Fällen, ich nenne da als Beispiel den Innsbrucker Alpenzoo, der in Zusammenarbeit mit mehreren anderen Zoos wunderbare Arbeit geleistet hat: Bei der Wiederansiedlung von Steinböcken in den Bergen rund um Innsbruck oder dem erfolgreichen Aussetzen von Bartgeiern in den Alpen. Dafür bekommt auch jeder Zoo Beifall.
Doch bei vielen Tieren, siehe Eisbären, ist so etwas undurchführbar. Heute jedenfalls. Man kann in den Zoos zwar Eisbären züchten, für die Erhaltung innerhalb der verschiedenen Tiergärten, aber wieder ansiedeln und frei setzen kann man diese Tiere schlussendlich nicht mehr. Wozu also ein Zoo?
Vielleicht ja doch als Anschauungsunterricht par excellence wie es in der Natur zugehen könnte, würde der Mensch nicht so viel an der Umwelt kaputt machen? Oder gaukelt uns der Zoo eine harmonische Natur vor, die es so gar nicht gibt?
"Der direkte Einblick in Tiergruppen, das Aufwachsen der Jungen, das Zusammenspiel der Familien, all das vermittelt ein Zoo. Das Zusammenleben von ganzen Familien, wie in den Zoos vorgeführt wird, kommt in der Natur jedoch so nicht vor. Tiergruppen, wie in vielen Tiergärten, wo die Männchen friedlich bei der Mutter-Kind Einheit dabei sind, sind zwar unnatürlich, aber machbar. Und da der Ernährungsdruck weg fällt, ist es eben möglich und für den Zoobesucher schön." Für die Tiere sicher auch.
Ein Zoo ist in erster Linie für die Menschen da
Ist ein wunderbares Statement von Dr. Blaszkiewitz. Sein Credo. „ Also soviel natürliches Leben für die Tiere, wie eben in einem Tiergarten möglich ist, aber so viel Einblick ins Leben der Tiere für den Zuschauer, wie eben auch möglich." Also doch Anschauungsunterricht für den Natur-entwöhnten Menschen.
"Als Zoodirektor muss man sich eben gleichermaßen für Tiere und Menschen interessieren, und versuchen, die Menschen und die Öffentlichkeit sowie die Wissenschaft und Naturschutzprogramme gleichermaßen zu berücksichtigen." Nicht leicht alles immer unter einen Hut zu bringen.
Dr. Blaszkiewitz und seine Tiere
Auf die spontane Frage, ob er selbst ein Haustier besäße, verwies er darauf, dass er ja Junggeselle sei und das mit seinem zeitaufwändigen Beruf so kaum machbar wäre. Als Kind und noch als Student hätte er aber Haustiere gehabt, zum Beispiel eine Schildkröte. Aber klar sei, dass nur jemand der Tiere liebt und sie auch gerne pflegt, sich für einen Zooberuf entscheiden sollte. Seine Nähe zu Tieren versucht er täglich aus zu leben, indem er bei seiner täglichen Runde eben auch füttert und Ähnliches.
Ich weiß nicht, ob das allgemein bekannt ist, aber Dr. Blaszkiewitz absolvierte seine gesamte Studienzeit als Volontär im Tierpflegerbereich. Eine Handaufzucht selber habe er –es klang ein wenig Bedauern durch – nicht selbst erleben dürfen. Aber auch das ließe sich eben besser bei Paaren durchführen, wo in den Berliner Tiergärten oft genug sich Pflegerpaare die Handaufzucht von Affen und anderen Tieren nicht nur im Zoo sondern eben auch in ihrem Zuhause geteilt hätten.
Handaufzucht, ja oder nein?
Interessant ist, dass Dr. Blaszkiewitz seine Entscheidung, Knut und sein Brüderchen als Handaufzucht groß zu päppeln, verteidigte. Die Haltung ist da von Zoo zu Zoo sehr unterschiedlich.
„Wenn Jungtiere gesund auf die Welt kommen und kräftig und überlebensfähig sind, die Mutter sie aber nicht annimmt, dann ist es selbstverständlich, die Jungtiere eben per Handaufzucht groß zu ziehen.“ Dieser Haltung verdanken wir nicht nur Knut, als derzeit berühmtesten Protagonisten, sondern auch Affen, Ameisenbären und vieles andere auch.
Dr. Blaszkiewitz hat einst für seine Doktorarbeit intensiv über die Haltung und Fortpflanzung im Zoo geforscht, und sehr wohl fest gestellt, dass ehemalige Handaufzuchten weniger problematisch sind, als kolportiert wird. Da kann man ihm, dem langjährigen Zoofachmann schon ruhig vertrauen, die Kompetenz dafür wird ihm hoffentlich niemand absprechen.
Unter den Menschenaffen in Berlin sind einige Handaufzuchten. Da sind sehr wohl Weibchen dabei, die gute liebevolle Mütter geworden sind. Obwohl sie selbst mit Fläschchen aufgezogen wurden. Es kommt immer auf die Tierart an und natürlich auch dann auf das Individuum selbst. Bei den Männchen ist es bei den Säugetieren noch weniger problematisch. Man nehme nur Anton, den Eisbären der Wilhelma, den Vater von Wilbär, seinerzeit auch eine Handaufzucht. Eher gibt es Probleme bei Vögeln, wo das Zusammenspiel der Aufzucht bei beiden Elterntieren viel mehr zum Tragen kommt und die Prägungsphase von großer Bedeutung ist.
Es war ein sehr interessantes Gespräch und die anschließenden netten Grüße an die Zoos in Österreich (den Alpenzoo und Schönbrunn) leite ich gerne weiter.
Das Gespräch mit Dr. Blaszkiewitz führte Adele Sansone für suite101.

